Francesco Arena, Cassano delle Murge

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Profil Francesco Arena

Francesco Arena ist ein Metaphoriker und ein Denker mit einer deutlichen Vorliebe für semantische und numerische Bezüge, für latente Analogien, für systematische Korrespondenzen, für Allusionen, für verrätselte Mitteilungen und für geheime Bedeutungen, das heißt, seine Werke, die er meist in dinglicher Form unter Verwendung von trivialen Realien oder als ambientale Installationen ausführt, sind in hohem Maße inhaltlich durchdacht und sehr sinnhaltig konzipiert sowie insbesondere stark inspiriert durch reale historische, politische, soziale und literarische Themen bzw. Ereignisse. So beispielsweise in einer Arbeit von 2004, die er „3,24 qm“ nannte und in der er in einer begehbaren Holzkiste, wie sie üblicherweise für den Warentransport benutzt wird, jenen Verschlag in den Maßen 1:1 rekonstruierte, in dem der Ministerpräsident Aldo Moro 1978 von den Roten Brigaden vor seiner Ermordung gefangen gehalten worden war. Oder aber jene Anordnung mit dem Titel „Pavimento“ (Fußboden) von 2009, in der er 4.018 Quadratmeter schwarzen Teppichbodens, dessen Größe genau der Oberfläche einer Etage des World Trade Centers entsprach, in einzelne Trapezoide mit den Maßen 343 × 200 × 100 × 450 cm zerschnitt, wobei 780 Einzelelemente entstanden, die dann zu einem Stapel aufgeschichtet exakt eine Ecke in der Eingangshalle des Gebäudes der Handelskammer in Turin ausfüllten. Bei jener hier in der Ausstellung gezeigten Werkserie, die er als „Lapide“, d. h. als Gedenksteine, bezeichnet, verwendete er das sogenannte Rebus-System, d. h. die Methode eines Bilderrätsels, indem er Beziehungen zwischen Gegenständen und Begriffen herstellte, wie sie in der Sprachforschung allgemein als Ausgangspunkte für das Aufkommen der Schriftzeichen in den diversen alten Kulturen der Menschheitsgeschichte angesehen wird. Dabei ging es ihm um solche bildlichen Vermittlungen von sprachlichen Ausdrücken, in denen Gemütszustände geäußert werden und dazu noch um die Übertragung von Gegenstandbezeichnungen, die in der italienischen Sprache üblich sind, in verschiedene andere Sprachen. So ergeben zum Beispiel die Anfangsbuchstaben der italienischen Namen jener Objekte, die er in einem der Arrangements der Werkserie Lapide“ kombiniert hat, das fremdartige Wort „desassossego“, das im Portugiesischen soviel wie Unruhe bedeutet und das ursprünglich in einem Werk von Fernando Pessoa vorkommt.

Oder aber er positionierte auf einem Marmorbord – in einem willkürlich anmutenden Nebeneinander – eine andere Abfolge von banalen, zufällig gefundenen, alltäglichen Dingen, die dann nach demselben Code den brasilianischen Begriff „saudagi“ bilden, der wiederum von dem portughiesischen Wort „saudade“ herkommt und sinngemäß soviel heißt wie Nostalgie oder Melancholie. Ebenso funktioniert diese Entschlüsselungsmethode, wenn man das englische Wort „spleen“, – das Wut und Ärger ebenso beinhaltet wie Trübsinn, Exzentrik, Schrulle oder Marotte –, als Resultat bekommen will. Und auch bei dem deutschen Adjektiv „unheimlich“ bzw. bei dem Substantiv „Sehnsucht“, die auf eine angstbesetztes Gefühl oder aber auch auf eine romantische Empfindung verweisen, läßt sich dieses Spiel mit Bild- Wort- Beziehungen schlüssig fortspinnen.

Klaus Wolbert

Lebenslauf

Francesco Arena wurde 1978 in Torre Santa Susanna in der Provinz Brindisi geboren, er studierte das Fach Bildende Kunst an der Akademie der Schönen Künste in Lecce und schloss seine Ausbildung 2001 mit einem Diplom ab. Er lebt und arbeitet in Cassano delle Murge in der Provinz Bari.

Kunstwerke

Francesco Arena Spleen

Gedenkstein „Spleen“ (Verrücktheit), 2011

Die Anfangsbuchstaben der italienischen Bezeichnungen der Objekte ergeben das englische Wort „spleen“.

Technik/Details:

Marmorplatten, Papier mit Sternendekor, Super 8 Filmrolle, römische Wölfin in Bronze, Textmarker, Schatulle mit Kunstlederbezug, Pfirsichkern
Grösse: 50 × 80 × 10 cm

Francesco Arena Desassossego

Gedenkstein "Desassossego" (Unruhe), 2010

Die Anfangsbuchstaben der italienischen Bezeichnungen der Objekte ergeben das portugiesische Wort „Desassossego“.

Technik/Details:

Marmorplatten, Schraubenmutter, Euromünze, Stein, Gasfeuerzeug, Handsäge (Fuchsschwanz), Pappschachtel, Regenschirm, Spirale, Schnürsenkel, Gummiband, Zeitung, Brille
Grösse: 70 × 125 × 10 cm

Arena Unheimlich2

Gedenkstein „Unheimlich“ (Preoccupante), 2010

Die Anfangsbuchstaben der italienischen Bezeichnungen der Objekte ergeben das deutsche Wort „unheimlich“.

Technik/Details:

Marmorplatten, Fingernägel, geknotete Schnur, Porträt des Dichters Friedrich Hölderlin, Hexagon, elektrischer Schalter, kleine Hantel, Holzleiste, Tintenfass, Ledergürtel, Havannazigarre
Grösse: 60 × 120 × 10 cm

Arena Saudagi

Gedenkstein „Saudagi“ (Melancholie | Malincolia), 2010

Die Anfangsbuchstaben der italienischen Bezeichnungen der Objekte ergeben das brasilianische Wort „saudagi“.

Technik/Details:

Marmorplatten, Seife, Agavenblatt, Plan der Insel Ustica, Wörterbuch, Platte aus Tonerde, Radiergummi, Verpackungselement
Grösse: 40 × 100 × 10 cm

Arena Sehnsucht2

Gedenkstein „Sehnsucht“ (Desiderio, Nostalgia), 2012

Die Anfangsbuchstaben der italienischen Bezeichnungen der Objekte ergeben das deutsche Wort „Sehnsucht".

Technik/Details:

Marmorplatten, Lesezeichen, Etikett, Hello Kitty – Plastikplakette in Form eines Comicfigürchens, Buchseite aus dem Anmerkungsteil einer Schrift von Friedrich Nietzsche, Papierklebeband, aufgerautes Papier, Personalausweis, Schachtel für das Produkt Hiruidoid, eine Salbe, die gegen Muskelschmerzen hilft, Zeitungsausschnitt mit einer Schlagzeile
Grösse: 44 × 70 × 12 cm

Ausgewählte Einzelausstellungen

2004  Laboratorio, Galleria Monitor, Roma

2005 Arena, De Marco, Schirinzi, Galleria d‘Arte Moderna, Bologna

2006 Impannellamento, Galleria Monitor, Roma

2008 Pallet sospeso su 7 raggi, Brown Project Space, Milano

2008 3,24 mq, Nomas Foundation, Roma

2009 18.900 metri su ardesia, Galleria Monitor, Roma

2009 Canzone (povera patria), Cimiterio di San Pietro in Vincoli, Torino

2010 Art Statement, Art Basel

2010 Cratere, De Vleeshal, Middelburg

2010 Teste, Fondazione Ermanno Casoli, Fabriano

2011 Com‘è piccola Milano, Peep Hole, Milano

Ausgewählte Gruppenausstellungen

2005 Arte all‘arte X / -a+a Luciano Pistoi, Castello di Linari Carillon-Corporate, Showroom Calia, Matera Extra Monia, Castel del Monte, Andria

2006 Tracce di un seminario, Assab One, Milano Circle Line, Rotonda di Senigallia Confini – Boundaries, Museo MAN, Nuoro

2007 Collezione della Deutsche Bank Italia, Deutsche Bank, Milano
Annisettanta. Il decennio lungo del secolo breve, Triennale di Milano

2008 Incipt, Palazzo Rospigliosi, Roma
Dai tempo al tempo, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo per l‘Arte, Guarene d‘Alba, Cuneo
Soft Cell: dinamiche nello spazio in Italia, Galleria Comunale d‘Arte Contemporanea di Monfalcone Fresco Bosco, Certosa di Padula

2009 Usine des reves, Space for contemporary art, Roma
Cose mai viste, Palazzo Barberini, Roma
Senza Rete, Santo Spirito in Sassia, Roma
Premio LUM, Teatro Margherita, Bari
Transmitting Energy: A Contemporary Metaphor – Winners of the Terna Prize for Contemporary Art, Chelsea Art Museum, New York Emotional comunity, Galleria Monitor, Roma
Qui è altrove!, Palazzo De Sanctis, Castelbasso

2010 Les sculptures meurent aussi, Kunsthalle MulhouseIbrido, Padiglione d‘Arte Contemporanea (PAC), Milano
Squares of Rome, Moca, Shanghai
Linguaggi e Sperimentazioni. Giovani artisti in una collezione contemporanea, Museo di Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto (MART), Rovereto
Voices from silence – Truth Unveiled by Time, Galerie Opdahl, Berlin
Practicing Memory – In the time of an all-engaging present, Fondazione Pistoletto, Biella
La scultura italiana del XXI secolo, Fondazione Arnaldo Pomodoro, Milano
Legami creativi, Comune di Santa Sofia, Forli Ente comunale di consumo, Centro Internazionale per l‘Arte Contemporanea (CIAC), Genazzano

2011 Pleure qui peut rit qui veut, Premio Furla, Palazzo Pepoli, Bologna
100 di 50, NABA, Milano 

Catalogues

Chiara Pilati, Arena | De Marco | Schirinzi, Collana Quaderni della Galleria Comunale d‘Arte Moderna di Bologna,2005

Marcello Smarelli, Francesco Arena, Edizioni Monitor, Roma 2006

Rabottini, Stefano Chiodi | Francesco Arena, Edizioni Fondazione Nomas, Roma 2008

Marcello Smarelli, Francesco Arena, Fondazione Casoli, Edizioni Shin, Brescia 2010

Elena del Drago, Francesco Arena, Edizioni Exorma, Roma 2011

Preise

2008 Premio Torino-Milano, Edizione 6, Camera di Commercio di Torino

2009 Premio LUM per l‘arte contemporanea, Libera Università Mediterranea, Bari

2009 Premio per l‘arte contemporanea Ermano Casoli, Fondazione Casoli, Fabriano

2011 Premio Furla, Fondazione Furla, Bologna