Luana Perilli, Rom

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Luana Perilli Profil

Luana Perilli konzentriert sich in ihrem Schaffen – seit ihrem Debüt im Jahre 2003 – auf die semantischen Qualitäten von Alltagsgegenständen, die als private Habe in Haushalten ehemaliger „Eigentümer“ Anteil an deren Leben hatten und so zu Zeugnissen persönlicher Erinnerungen wurden, zu bedeutungsvollen Artefakten, in denen sich Geschichten verbergen. Seit der Installation „Set up“ von 2006 arbeitet sie an diesem Thema, wobei in ihren Arbeiten die Bestandteile häuslicher Einrichtungen zu Vehikeln neuer Sinngebungen werden und zu Protagonisten emotionaler Anmutungen.

Im jüngsten ihrer Projekte, das sie mit dem Titel „Superorganism“ bezeichnet hat, verfremdet die Künstlerin den Charakter von solchen Einrichtungsgegenständen vollkommen, indem sie eine langsam sich vollziehende Mutation in Gang setzt. Dies erreicht sie mittels realer Ameisenkolonien, die in einem geschlossenen System, das aus gläserne Kolben und Röhren besteht, das jeweilige Objekt okkupieren, wobei sie damit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und auch auf die geordnete Sozialstruktur ihres Staates verweisen, der bekanntlich durch eine effiziente matriarchalische Organisation aller Lebensvorgänge geprägt ist.

Eine andere ihrer Schöpfungen ist eine mehrteilige Installation von 2009, welcher sie den ausdrücklich auf eine signifikante Arbeit von Marcel Duchamp anspielenden Titel „Manutenzione sentimentale della macchina celibe“ (Gefühlsbestimmte Instandhaltung der Junggesellenmaschine) verliehen hat. Das Werk, das aus einer Reihe von Collagen, aus einem Video und aus vier Skulpturen besteht, hat zusätzlich noch die Bezeichnungen „Orfano di undici anni“ (Elfjähriges Waisenkind), „Orfanelle ormai in et. da marito“ (Kleine Waisenkinder in bereits heiratsfähigem Alter), „Vedova da troppo tempo“ (Witwe seit schon viel zu langer Zeit) und „Orfano di sette anni con amico immaginario“ (Siebenjähriges Waisenkind mit einem Freund, den sie sich einbildet) und zeigt sich damit als eine erzählerische Darbietung. Der Aufbau dieses Arrangements beinhaltet zunächst zwei kleine Nachtschränkchen, die ein Eigenleben besitzen, das in der Form zum Ausdruck kommt, dass bei dem einen der beiden sich eine Schublade automatisch heraus- und einschiebt und damit eine Kontaktaufnahme zum anderen Schränkchen signalisiert. Jedenfalls scheint diese Bewegung eher emotionalen als mechanischen Antrieben zu folgen. Dabei ist jenes Nachtschränkchen, das den Kontakt sucht, das Symbol für ein Waisenkind, was auch durch das auf ihm abgestellte Trinkglas, gefüllt mit Milch, und durch ein Einmachglas voller Bohnen bekräftigt wird. In der Schublade ihres Gegenübers, des „eingebildeten Freundes“, wachsen hingegen als Antwort wirkliche Bohnensprösslinge. In „Vedova da troppo tempo“ vertritt ein halbierter Polsterstuhl die Frau, die durch den Verlust ihres Ehemanns ihre andere Lebenshälfte verloren hat. Die Polsterung dieses Stuhles ist aufgeschnitten, d. h. er entblößt sich und gibt den Blick auf sein von Holzwürmern zerfressenes Inneres frei. Zwei Stühle spielen auch die Hauptrollen in der Arbeit „Orfanelle ormai in et. da marito“, wobei auch diese Möbelstücke, die sich ähneln und doch verschieden sind, eine Verbindung erkennen lassen: Über der Lehne des einen hängt ein eben erst abgelegter Lappen und wieder ist der Versuch einer vergeblichen Berührung thematisiert, wobei dies durch einen Ventilator bewirkt wird, der einige Papierstreifen, die vor seinem Rotor befestigt sind, dergestalt in Bewegung setzt, dass man meint, es seien sehnsuchtsvoll ausgestreckte Arme.

Weitere Geschichten mit Möbeln erzählt Luana Perilli in ihren Collagen, wobei sie in diesen auf Abbildungen von Möbeln in Designzeitschriften zurückgreift und diese dadurch modifiziert, dass sie in den originalen Bildunterschriften einige Buchstaben löscht und auf diese Weise neue Texte mit veränderten Bedeutungen kreiert. In dem Puppentrickfilm-Video, das den Titel „Sì dolce è il tormento“ (So süß ist die Qual) trägt, werden ebenfalls Objekte lebendig und entwickeln ihr Eigenleben im Gefolge einer Veränderung ihres gewohnten Kontextes, die durch einen Umzug, durch eine Renovierung oder aber durch ihre Entsorgung herbeigeführt werden kann. Begleitet werden diese Szenen durch einen Gesang, bei dem die Arie „Sì dolce è il tormento“ aus den „Lettere amorose“ (Liebesbriefe) von Claudio Monteverdi interpretiert wird, die im historischen Original, das 1624 entstand, von Kastraten gesungen werden sollte.

Manuela Pacella

Lebenslauf

Luana Perilli wurde 1981 in Rom geboren, wo sie von 1996 bis 2001 eine schulische Ausbildung am Humanistischen Gymnasium F. Vivona absolvierte. In den Jahren 1996 bis 2001 war sie in Theatergruppen aktiv und sie besuchte gleichzeitig auch Kurse für Schauspielerei. Von 2001 bis 2004 studierte sie an der Akademie der Schönen Künste in Rom, wobei sie Kurse für multimediale Künste belegte. Die Künstlerin lehrt seit 2009 an der Cornell University in Rom das Fach „Spezialthemen der Kunst“. Sie lebt und arbeitet in Rom.

Kunstwerke

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„Sì dolce è il tormento“ (So süss ist die Qual), 2009
Trickfilm
Dauer 00:01:09 min

Arie „Sì dolce è il tormento“ von Claudio Monteverdi (1624), interpretiert von Philippe Jaroussky,
City Recital Hall, Sydney. Juli 2007

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„Orfanelle ormai in età da marito“
(Waisenkind in schon heiratsfähigem Alter), 2009

Installation

Zwei Stühle mit gepolsterten Sitzflächen, bezogen mit Kunstleder, Schürze, Ventilator mit Papierstreifen auf einem rechteckigen Sockel

Sockel: 20 x 122 x 90 cm
Stühle: 80 x 38 x 41 cm

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„Orfano di sette anni con amico immaginario“
(Sieben Jahre altes Waisenkind mit einem Freund, den es sich einbildet), 2010

Installation

Zwei kleine in Nussbaumfurnier ausgeführte Beistelltischchen in Chippendale- Manier mit Schubladen, positioniert auf einem rechteckigenm Sockel. Auf dem rechten stehen ein mit Milch gefülltes Trinkglas sowie ein gläserner Vorratsbehälter gefüllt mit Bohnen, die Schublade ist mit einer motorgetriebenen Mechanik ausgestattet, mit der sie auf und zu bewegt wird. Beim linken Tischchen wachsen aus der Schublade wirkliche Bohnenpflanzen.

Sockel: 32 x 115 x 89 cm
Tischchen: jeweils 57 x 53 x 25 cm

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„Vedova da troppo tempo“
(Witwe seit allzu langer Zeit), 2009

Installation

Polsterstuhl in historisierendem Neo-Louis-Quinze-Stil mit Kniebeinen und mit bronzenen Ornamentapplikationen, die rechte
Seite ist partiell in der Vertikalen abgeschnitten, so dass das Innere der Polsterung sichtbar ist.

122 x 65 x 65 cm

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„Manutenzione sentimentale della macchina celibe (piccolo amore e spreco)“
(Von Gefühlen bewegte Instandhaltung der Junggesellenmaschine – kleine Liebe und Verschwendung), 2010

Collage

38 x 240 cm

Ausgewählte Einzelausstellungen

2003 Y.I.A. – Young International Artists, Rialtosantambrogio, Roma

2004 Pay attention (follow the instruction), Studio Lipoli & Lopez, Roma

2005 Video Project Room 4, Rialtosantambrogio, Roma
Why?, Fondazione Pastificio Cerere, The Gallery Apart, Roma

2006 Tattile Duttile, V.M. 21, Artecontemporanea, Roma

2009 Manutenzione sentimentale della macchina celibe, The Gallery Apart, Roma

2010 The Bay Window Project, Sybin Q Art Project, London
Rommates-Coinquilini Luana Perilli, Museo d‘Arte Contemporanea di Roma (MACRO)

2011 Souvenir d‘Hopital, Reload-Prototipo dell‘intervento culturale Urbano, Roma

Ausgewählte Gruppenausstellungen

2003 Alchimia e incisione, Centro per l‘incisione e la grafica d‘arte, Formello
Video rassegna, Piazza Ferro di Cavallo, Roma

2004 Circòlarea, Villa Sciarra, Frascati
V Convegno delle Accademie del Mediterraneo, Commenda Del Pre‘, Genova
Multiprises, Cité Internationale des Arts, Paris

2005 Video Vetrina – Wonder Women, Studio Lipoli & Lopez, Roma
Hard Selling, FestArte, Roma
Micropaesaggi / Microlandschaften, Österreichisches Kulturinstitut, Roma 

2006 Written City – Scrivere da città, Site specific, Frascati
Dissertare – Disertare, Centro Internazionale per l‘Arte Contemporanea (CIAC), Castello Colonna, Genazzano
Notte Europea della Ricerca, INFN, Frascati

2007 Signale Ostrale, Ostrale, Dresden

2008 Inside 2 – Andrea Aquilanti, Gea Casolaro, Luana Perilli, The Gallery Apart, Roma
Non domestic new works by Maree Azzopardi, Miriam Laplante e Luana Perilli, Interno Ventidue Arte Contemporanea, Roma
Appunti 2 memoria-memorie, Centro Internazionale per l‘Arte Contemporanea (CIAC), Castello Colonna, Genazzano
Nomad space – wandering gallery, Karlin Studois, Praga
Video as Video: Rewind to form, Swimming pool project space, Chicago
15. Quadriennale Nazionale d‘Arte di Roma, Palazzo delle Esposizioni, Roma

2009 Studiovisit – a review on works by italian Artists, Space Gallery Bradislava
Fuori c‘è luce, site specific projects preview, Circolo degli Artisti, Roma
Sensualità / Sessualità, Condotto C, Roma
Godart, Museolaboratorio Ex-Manifattura Tabacchi, Città Sant‘Angelo
International Art Affairs, Video as Video: rewind to form, Washington D.C.-Art Fair,  Washington
Rome as a studio, Temple University, Roma 

2010 Forward looking, Museo d‘Arte Contemporanea di Roma (MACRO FUTURE), Roma  
Cadavere Exquisitus, Project room art actual Quito (Equador)
„She Devil“, Studo Stefania Miscetti, Roma
„La Follia dell‘Arte“, Villa Rufolo, RavelloGaza‘s
First International Festival for Video Art, Gaza / Jerusalem / Ramallah / Rafah / Jabalia / Bethlehem
Lithium Preview, Lithium Gallery, Napoli
Pan Project Party, Museo Pan, Napoli
„Buon Domani / A Better Tomorrow“, Studio Stefania Miscetti, Roma
Video Cards, Centro di Arte Contemporanea, Modica

2011 „Neonvideoselection“, Neon campobase, Bologna
„Ente Comunale di Consumo“, Galleria Nazionale, Cosenza / Complesso del Vittoriano, Roma
„Frame by Frame“, Museo Riso, Palermo
„An intimate story – Coltroneo Collection“, Multimedia Art Museum of Moscow (MAMM), Moscow
„Resonnances et Metamorphoses“, Lic.e Cateaubriand, Roma
Biennale dell‘umorismo, Tolentino
Luana Perilli / Davide Monaldi, Museo d‘Arte Contemporanea di Roma (MACRO)
Biennale Giovani, Serrone della Villa Reale, Monza
54. Esposizione Biennale Internazionale d‘Arte di Venezia, Progetto Accademie di Belle Arti (2000 – 2010), Tese delle Vergini dell‘Arsenale, Venezia
„Quadratonomade“, Scuderie Aldobrandini, Frascati
Ommaggio a Graziella Lonardi Buontempo, Museo PAN, Palazzo delle Arti di Napoli
Premio Cairo, Museo della Permanente, Milano