Marzia Migliora, Turin

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Marzia Migliora Profil

Die anfänglich als Fotografin ausgebildete Künstlerin Marzia Migliora setzt sich mit den physischen und psychischen Grenzen in den Konstitutionen von Personen auseinander. Sie selbst nimmt sich in diesen Erforschungen nicht aus, Untersuchungen zu ihren eigenen Erinnerungen und auch Autobiografisches gehen in ihr sehr konzeptionell ausgerichtetes Werk ein, in dem sie sich mit literarischen Texten im Kontext Bildender Kunst beschäftigt und dabei die Sprache als einen Bestandteil von präzis geplanten Installationen einsetzt.

Marzia Migliora benutzt für ihre Arbeiten diverse Medien, wie die Fotografie, Objekte, audiovisuelle Möglichkeiten und auch Zeichnungen, in denen sie sich meist mittels reduzierter, zeichenhaft vereinfachter Kürzel äußert, die sie in kleinen Kompendien veröffentlicht. Wenn sie textliche Elemente verwendet, dann spielen die Typografie (etwa Leuchtschrift oder auch die hörbare Sprache) sowie die Modi der Installation eine wichtige Rolle. Beispielhaft für ihre intellektuelle, kritische und auch ironische Gedankenarbeit ist das in der hier relevanten Ausstellung präsente Werk „From here to Eternit“ aus dem Jahre 2009, das zunächst in seiner Optik als eine Textzeile in Leuchtschrift ins Auge fällt, die auffällig in einer sehr nostalgisch anmutenden Ausführung von Reklameschriftenm gestaltet ist, d. h. in einem Modus, wie er vor der Erfindung der Neonröhren in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts gebräuchlich war. Die einzelnen Buchstaben, bei der sie ebenfalls eine etwas altertümliche Art von Schreibschrift benutzte, sind mit eng aneinandergereihten Glühlämpchen bespickt, durch deren Leuchten die Wörter auch im Dunklen signifikant lesbar sind. Der Hintergrund für diese Gestaltungsweise ist der, dass die Künstlerin damit exakt die grafische Charakteristik der Werbung jener Fabrik nachahmte, die bis 1986 das Produkt „Eternit“ herstellte, d. h. Asbestzementplatten, die 1901 von dem Österreicher Ludwig Hatschek (Tieschetitz 1856 – Linz 1914) zum Patent angemeldet worden waren und die vorwiegend in der Baubranche zum Einsatz kommen. Ihre Gefährlichkeit für diejenigen, die damit Umgang haben, wurde lange nicht erkannt, denn die Asbestfasern bilden einen Feinstaub, der sich in den Lungen festsetzt und dort die tödliche Asbestose auslöst. Seit 1993 ist die Herstellung und Verwendung in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen verboten. Ausgehend von der Tatsache, dass allein in Italien bis heute mehr als 3.000 Opfer dieser durch Asbest verursachten Krebserkrankung verzeichnet wurden, besann sich Marzia Migliora auf die Ambiguität der Begriffe „Eternit“ und „Eternity“, und machte dies zum Ausgangspunkt für ein ebenso scharfsinniges wie semantisch ausgeklügeltes und hintergründiges Wortspiel sowie für die Umsetzung in eine Objektinstallation, wobei die beiden von ihr benutzten Wortbedeutungen etymologisch auf das lateinische Wort „aeternitas“ (Ewigkeit) zurückzuführen sind, denn schon Hatschek nannte seine verhängnisvolle Erfindung so, weil er damit deren unendlich lange Haltbarkeit zum Ausdruck bringen wollte. Die Künstlerin nutzte diesen Zusammenhang für ihre wie sie selbst sagte „sarkastische und bittere“ Vereinigung eines industriellen Produkts mit dem Titel eines Films, den Fred Zinnemann 1953 gedreht hatte und der eben „From here to Eternity“ lautete. Die Kernthematik dieses Films war fokussiert auf das romantische Versprechen: „Wir trennen uns nicht, bis dass der Tod uns scheidet“ (Fino a che morte non ci separi) und Marzia Migliora hat davon ausgehend eine komplexe Aussage formuliert, die nichts anders besagt, als dass das Ewigkeitsversprechen an dem Punkt endet, wo man durch Eternit aus dem Leben scheidet. Die Identität und Fragilität des menschlichen Bewusstseins, dessen Konflikte mit der Realität und die Grenzen zwischen Wahrheit und Wirklichkeit sowie auch die Schattenseiten der Existenz, sind ständige Themen der Künstlerin, die von ihrem Schaffen als von einem ständigen Versuch spricht, „mit Personen über Personen zu reden“. In einer anderen Selbstaussage äußerte sie: „Mich interessiert die menschliche Seite von jedem Gesichtspunkt aus betrachtet, von der Zerbrechlichkeit der Liebe her, von den Verhältnissen zwischen Paaren her und von der Relation der Beziehungen mit dem inneren Raum“ her.

Anregungen für ihre Arbeit erfährt sie aus der alten Kunst, etwa aus der etruskischen Wandmalerei, sowie aus der Poesie und aus der zeitgenössischen Literatur neben der Aufnahme von Themen und Ereignissen des alltäglichen Lebens. So nahm sie beispielsweise auch den Satz „Vado così forte in salita per abbreviare la mia agonia“ (Ich fahre deshalb so schnell bergauf, damit ich meinen Erschöpfungszustand abkürze), der auf eine Äußerung von Marco Pantani, einem bekannten Radrennfahrer zurückgeht, zum Anlass für eine Werkidee. Diese verwirklichte sie zunächst materiell in Form eines aus Wolle und Seide in der Technik der Schlingenware hergestellten schwarzgrundigen Teppichs, in einer Länge von 560 cm und einer Breite von 200 cm, in den in wei. das obige Zitat eingewebt ist. Dieser Teppich, der als Werk den Titel „Quando la strada guarda il cielo“ (Wenn die Straße zum Himmel hinaufblickt) trägt, ist ausdrücklich dazu vorgesehen, in einer Ausstellung von Besuchern betreten zu werden, denn er symbolisiert den schwarzen Asphalt der Straße. Die weißen Buchstaben dagegen sollen an die Sitte von enthusiasmierten „tiffosi“ (Radrennbegeisterte) erinnern, solche Sätze mit Kreide oder mit Lackfarbe auf die Straße zu schreiben, um ihre Idole dazu anzufeuern, besonders schwierige Etappen zu bewältigen und durchzustehen. Solche Sätze auf dem Asphalt waren aber auch die Zeichen für immer anspruchsvoller werdende Forderungen der Fans, die dazu führten, dass die Fahrer, um diese Erwartungen zu erfüllen, sich mehr und mehr physisch und auch mental verausgabten, bis hin zu dem Punkt, an dem sie sich gezwungen sahen, auf Drogen zurückzugreifen. Dies war auch das Schicksal von Pantani, der mit Siegen bei der Tour de France und beim Giro d ‘Italia 1998 eine enorme Popularität gewann, bis er 1999 aufgrund eines Dopingskandals in der Gunst der Massen abstürzte. Der Teppich ist also ein Memorial für den 2004 gestorbenen Pantani und er belegt das inhaltlich vielschichtige und reflektierte Schaffen von Marzia Migliora, bei dem man durchaus auch von einer Strategie der visuellen Poesie sprechen könnte.

Peter Weiermair

Lebenslauf

Marza Migliora wurde 1972 in Alessandria geboren, die Künstlerin lebt und arbeitet in Turin.

Kunstwerke

Migliora fromheretoeternit 1

„From here to Eternit“, 2009

Foto: Maurizio Milanesio
Courtesy dell‘artista und Galleria Lia Rumma, Milano / Napoli

Technik/Details:

Buchstaben in Macronil mit weiß leuchtenden 15 Watt- Glühbirnen
Grösse: 56 × 630 cm

Migliora fromheretoeternit 2

„From here to Eternit“, 2009

Foto: Maurizio Milanesio
Courtesy dell‘artista und Galleria Lia Rumma, Milano / Napoli

Technik/Details:

Buchstaben in Macronil mit weiß leuchtenden 15 Watt- Glühbirnen
Grösse: 56 × 630 cm

Migliora quandolastradaguardailcielo 1

„Quando la strada guarda il cielo“ , 2010

Beschriftet: „Vado cosi forte in salita per abbreviare la mia agonia“ (Ich fahre deshalb so schnell bergauf, damit ich meinen Erschöpfungszustand abkürze)

Foto: Valentina Muscedra
Courtesy dell‘artista, Fondazione La Strozzina e della Galleria Lia Rumma, Milano / Napoli

Technik/Details:

Begehbarer handgeknüpfter Teppich aus Wolle und Seide mit einem Rückseitengewebe aus Baumwolle
Grösse: 560 × 200 cm

Migliora quandolastradaguardailcielo 2

„Quando la strada guarda il cielo“ , 2010

Beschriftet: „Vado cosi forte in salita per abbreviare la mia agonia“ (Ich fahre deshalb so schnell bergauf, damit ich meinen Erschöpfungszustand abkürze).

Foto: Valentina Muscedra
Courtesy dell‘artista, Fondazione La Strozzina e della Galleria Lia Rumma, Milano / Napoli

Technik/Details:

Begehbarer handgeknüpfter Teppich aus Wolle und Seide mit einem Rückseitengewebe aus Baumwolle
Grösse: 560 × 200 cm

Ausgewählte Einzelausstellungen

2001 Punto croce / Cross Stitch, Galleria Civica d‘Arte Moderna e Contemporanea (GAM), Torino

2004 Pitfall, Galerie Zürcher, Paris / National-Museum, Praha
Pari o dispari, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Torino
Appassionata, Museo di Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto (MART), Rovereto

2005 Marzia Migliora, Unione culturale Franco Antonicelli, Torino
Download now, Istituto Italiano di Cultura, London
Marianne, Percy Miller Gallery, London
The Agony & The Ecstasy, The Foundation for Art & Creative Technology (FACT), Liverpool

2006 Tanatosi, Fondazione Merz, Torino

2007 Bianca e il suo contrario, Galleria Lia Rumma, Milano

2008 Meteorite in giardino – Concerto per naufragio, Fondazione Merz, Torino
My no man‘s land, Art Agents Gallery, Hamburg

2009 Quelli che trascurano di non leggere si condannano a leggere sempre la stessa storia, Anticipazione dell‘opera per il Premio Internazionale indetto da Twister, Palazzo Reale, Milano
Due minuti e trentadue secondi, Horti Leonini, San Quirico d‘Orcia (Siena)

2010 Forever overhead, Galleria Lia Rumma,  Napoli

2011 Rada, EX 3 Centro per l‘Arte Contemporanea, Firenze

Ausgewählte Gruppenausstellungen

2003 Eco e Narciso, Ecomuseo Feltrificio Crumière, Villar Pellice (Torino)
Assenze / Presenze – Un nouvelle génération d‘artistes itliens, Le Botanique – Centre Culturel de la Communauté Française Wallonie, Bruxelles
Focus, Videoteca della Galleria Civica d‘Arte Moderna e Contemporanea (GAM), Torino

2004 Le mille e una notte, Stecca degli Artigiani,  Milano
Dimensione follia – Soggettività passione ed eccesso nella quotidianità, Galleria Civica di Arte Contemporanea, TrentoSpazi Atti / Fitting Spaces – 7 artisti italiani alle prese con la trasformazione dei luoghi, Padiglione d‘Arte Contemporanea (PAC), Milano

2005 Generations of Art – 10 Years at FAR, Fondazione Antonio Ratti, Ex-Chiesa di San Francesco, ComoBidibidobididoo – Opere dalla Collezione Sandretto Re Rebaudengo, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Torino
Baroque and Neo-Baroque: The Hell of the Beautiful, Contemporary Art Center, Salamanca
Me, myself and I – Artist self-portraits from the Heather & Tony Podesta Collection, Micro Gallery, Washington / Contemporary Art Center of Virginia, Virginia Beach

2006 VIDEO REPORT ITALIA 2004 – 05, Galleria Comunale d‘Arte Contemporanea, Monfalcone (Gorizia)
In su, nell‘azzurro come una piuma – Cinque artisti incontrano I cento anni di Samuel  Beckett, Scuola Holden, TorinoCollectors 1 –Collezione la Gala, Centro Sperimentale per le Arti Contemporanee  (CeSAC), Caraglio (Cuneo)

2007 Ophelia‘s World, ar / ge kunst, Galerie Museum, Bolzano
The word in art, Museo di Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto (MART), Rovereto
Où? Scènes du sud: Espagne, Italie, Portugal, Carré d‘Art, Musée d‘Art Contemporain, Nîmes

2008 Soft cell – dinamiche nello spazio in Ialia, Galleria Comunale d‘Arte Contemporanea, Monfalcone
Nient‘altro che scultura, XIII Biennale Internazionale di scultura, Centro di Arti Plastiche Internazionali e Contemporanee, Carrara
Hopes & Doubts – cutting edge art between Lebanon and Italy, The Dome City Center,  Beirut

2009 The group show, Twister, Civica Galleria d‘Arte Moderna, Gallarate (Milano)
Les Urbaines 2009 – Can‘t Forget What I Don‘t Remember, Circuit, Centre d‘Art Contemporain, Lausanne

2010 „Tutto . conesso“ – Ricerche e approfondimenti nell‘arte dell‘ultimo decennio attraverso lacollezione, Castello di Rivoli, Museo d‘Arte Contemporanea, Rivoli
„As soon as possible“, Centro di Cultura Contemporanea Strozzina, Palazzo Strozzi, Firenze
Sindrome italiana, Le Magasin, Centre National d‘Art Contemporain, Grenoble

2011 „C‘est . ce prix que nous mangeons du sucre“, Mus.e d‘Aquitaine, Bordeaux