Moira Ricci, Mailand, Grosseto

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Moira Ricci Profil

Moira Ricci nimmt in ihren Arbeiten das Thema des 2002 vorgestellten Dokumentarfilms „Un ora solo ti vorrei“ (Nur eine Stunde möchte ich noch mit Dir sein) von Alina Marazzi um ein Jahr vorweg, wobei auch dieser Film ein Experiment ist, das auf familiäre Amateurfilme sowie auf persönliches Erinnerungsmaterial – wie z. B. auf Tagebücher – zurückgreift.

Der Ausgangspunkt für die Regisseurin aus Mailand war die Auseinandersetzung mit einem belastenden Trauma, das ausgelöst worden war durch den frühen Verlust der Mutter infolge von deren Selbstmord nach jahrelangen Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken. In einem ähnlichen archivalischen und investgativen Vorgehen wie Moira Ricci sammelte auch Marazzi Dokumentationsmaterial, das sie in einem umfangreichen Bestand an Filmen, die der Großvater aufbewahrte, finden konnte. Diese kombinierte sie mit Ausschnitten aus dem Tagebuch der Mutter. Der Erfolg dieses Films zusammen mit einer sonstigen Zunahme von Archiven und Projekten privater Erinnerungen (darunter vor allem die Sammlung „Home Movies“ in Bologna, bestätigen, dass – auch ausgehend von einfachen autobiografischen Daten – ein Kunstwerk dank der emotionalen Erfahrungen einer Autorin oder eines Autors zu einer gelungenen Kommunikation führen kann. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerung ist eine Notwendigkeit, die insbesondere von jüngeren italienischen Künstlerinnen und Künstlern in einem immer größer werdenden Umfang thematisiert wird, und Moira Ricci ist unter diesen sicherlich eine, welche die überzeugendsten Beiträge liefert.

Ihre Werke, ihre Fotografien und Videos sind Rückblicke in ihre eigene Biografie, sie sind aber auch spannende Analysen von Vergangenheit, in denen jeder sich wiederfinden kann. Dabei ist bei ihr die Konfrontation mit dem Schmerz ein entscheidender Faktor, der aus einem starken inneren Antrieb resultiert und den sie durch die Flucht in die Fiktion einer unbeschwerten Kindheit zu überwinden sucht, wie in „Amore mio ti amo“ (Mein Liebling ich liebe dich) von 2001 oder in „Custodia domestica“ (Häusliche Obhut) von 2003 / 2004. Die bekannteste Schöpfung der Künstlerin ist mit „20.12.53 – 10.08.04“ betitelt und dies bedeutet nichts anderes als die nüchterne Angabe der Lebensdaten ihrer Mutter. Dabei handelt es sich zunächst um ein Konvolut von Fotografien, in denen die Mutter in verschiedenen Phasen ihres Lebens abgelichtet wurde, von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Jedoch Ricci geht anders vor, sie will selbst zum „Voyeur“ werden, um Roland Barthes zu zitieren, und sie gestaltet selbst in fiktionaler Weise Bilder der Erinnerungen an vergangene Zeiten, d. h. sie nimmt in den Fotos selbst die Rolle ihrer Mutter an und imitiert diese durch Bekleidung und Posen. Es bleibt jedoch ein irritierendes Element, ein Phantom, das aus der Lebenszeit ihrer Mutter in die Zukunft weist und das versucht, über die Intensität des Blicks mit ihr zu kommunizieren. Bei dieser Neuschaffung von biografischen Zeugnissen ging Moira Ricci von einem realen Geschehen, dem Leben ihrer Mutter, aus und sie erfand dazu Bilder, die so niemals in der Wirklichkeit existierten.

In einer neueren Serie mit dem Titel „Da buio a buio“ (Vom Dunklen zum Dunklen) kehrt die Künstlerin die Vorgehensweise um, indem sie von einem fiktiven Geschehen ausgeht, dieses aber durch eine Dokumentation als wahr darstellt. Dies tut sie auch in jenen Sammlungen von Beweisstücken, in denen es ihr durch das penible Vorlegen von fotografischen Materialien, von Zeitungsausschnitten und von filmischen Reportagen gelingt, bestimmten mündlich erzählten Legenden und Gruselgeschichten aus dem Fundus des Volksglaubens in der Toskana ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zu verleihen. Mit den Methoden einer scheinbar gewissenhaften Spurensuche hat sie so die Biografien von drei seltsamen Personen simuliert, die nichts anderes als Ausgeburten von populären Angstphantasien sind und die allein wegen besonderer Auffälligkeiten bzw. Fehlbildungen ihrer Physis als befremdliche und unheimliche Wesen angesehen wurden. Diese Figuren, die in der Realität niemals existent waren, sind „Bambina cinghiale“ (Wildschwein-Mädchen), „Lupo mannaro“ (Der Werwolf) und „Uomo sasso“ (Der Steinmann). Das einzige reale Element dieser Dokumentationen bilden die Interviews, in denen Personen diese Geschichten erzählen, alles andere ist eine gut inszenierte Illusion, reine Phantasie, die von bizarren Mythen ausgeht, in denen die dunklen Seiten der Volksseele, die als ein Faszinosum noch immer mit ungezähmter Kraft weiterbestehen, zum Vorschein kommen.

Manuela Pacella

Lebenslauf

Moira Ricci wurde am 19. April 1977 in Orbetello geboren. Sie studierte bei C.F.B. Bauer in Mailand und erwarb 1998 ein Diplom in Fotografie, anschließend setzte sie ihr Studium in den Fächern Multimedia und Visuelle Kommunikation an der Akademie der Schönen Künste in Mailand fort und schloss 2004 mit einem Diplom ab. In ihrem oft autobiografisch inspirierten Werk erkundet sie Themen der individuellen und sozialen Identität sowie alltägliche Mythen. Sie lebt und arbeitet in Grosseto und in Mailand.

Kunstwerke

Ricci uomosasso 1

„Uomosasso“ (Steinmann), 2009

Uomosasso, gesichtet während der Drescharbeiten des Onkels Giampiero.
Das Foto wurde von der Familie Bigiarini gefunden.

Technik/Details:

Diverse Farbfotografien, Fotoabzüge auf Papier, und ein Video VHS, gedreht von Francesco, einem Cousin der Künstlerin, im Sommer 1982. Fotoabzug auf Papier
Grösse: 30 × 10 cm

Ricci uomosasso 4

„Uomosasso“ (Steinmann), 2009

Das Haus der Familie Ricci (Haus der Künstlerin), das Landgut S. Andrea, Luftbildaufnahme

Technik/Details:

Diverse Farbfotografien, Fotoabzüge auf Papier, und ein Video VHS, gedreht von Francesco, einem Cousin der Künstlerin, im Sommer 1982. Farbfoto auf Papier.
Grösse: 50 × 70 cm

Ricci uomosasso 5

„Uomosasso“ (Steinmann), 2009

Uomosasso, entdeckt beim Haus des Cousins Gigio und aufgenommen von der Künstlerin selbst

Technik/Details:

Farbfoto auf Papier.
Grösse: 13 × 18 cm

Ricci uomosasso 3

„Uomosasso“ (Steinmann), 2009

Uomosasso auf dem Anwesen der Künstlerin. Das Foto wurde vom Onkel Luigino gefunden

Technik/Details:

Diverse Farbfotografien, Fotoabzüge auf Papier, und ein Video VHS, gedreht von Francesco, einem Cousin der Künstlerin, im Sommer 1982. Farbfoto auf Papier
Grösse: 10 × 15 cm

Ricci uomosasso 6

„Uomosasso“ (Steinmann), 2009

Fotoaufnahme des Uomosasso, die 1982 im Haus des Onkels Luigino gefunden wurde

Technik/Details:

Diverse Farbfotografien, Fotoabzüge auf Papier, und ein Video VHS, gedreht von Francesco, einem Cousin der Künstlerin, im Sommer 1982. Farbfoto auf Papier.
Grösse: 10 × 30 cm

Ricci bambinicinghiale 1

„Bambina cinghiale“ (Wildschweinmädchen), 2009

Wildschweinmädchen mit ihrem Vater im Oktober 1940 (Datum auf der Rückseite vermerkt). Das Foto stammt aus dem Fotogeschäft in Magliano in der Toskana

Technik/Details:

Fotografien, Fotodrucke, Reproduktionen von Dokumenten. Fotoabzug auf Papier. Rahmen nicht original.
Grösse: 9 × 14 cm

Ricci bambinicinghiale 2

„Bambina cinghiale“ (Wildschweinmädchen), 2009

Wildschweinmädchen auf einem Schaukelpferd, Datierung ungewiss. Das Fotostammt aus dem Fotogeschäft in Magliano in der Toskana

Technik/Details:

Fotografien, Fotodrucke, Reproduktionen von Dokumenten | Fotografie. Fotoabzug auf Papier. Originalrahmen.
Grösse: 11,5 × 15 cm

Ricci bambinicinghiale 3

„Bambina cinghiale“ (Wildschweinmädchen), 2009

Wildschweinmädchen, Datierung ungewiss. Das Foto stammt aus dem Fotogeschäft in Magliano in der Toskana

Technik/Details:

Fotografien, Fotodrucke, Reproduktionen von Dokumenten | Fotografie. Fotoabzug auf Papier. Rahmen nicht original.
Grösse: 9 cm

Ricci bambinicinghiale 4

„Bambina cinghiale“ (Wildschweinmädchen), 2009

Wildschweinmädchen in der Wiege; Datierung ungewiss. Das Foto ist eine Leihgabe von Frau Elisa Santini

Technik/Details:

Fotografien, Fotodrucke, Reproduktionen von Dokumenten | Fotografie. Fotoabzug auf Papier. Originalrahmen.
Grösse: 11 × 15 cm

Ricci bambinicinghiale 5

„Bambina cinghiale“ (Wildschweinmädchen), 2009

Wildschweinmädchen, Datierung ungewiss. Das Foto ist eine Leihgabe von Frau Elisa Santini

Technik/Details:

Fotografien, Fotodrucke, Reproduktionen von Dokumenten | Fotografie. Fotoabzug auf Papier. Originalrahmen.

Ricci lupomannaro 1

„Lupo mannaro“ (Werwolf), 2009

Porträt des jugendlichen Vasco Lumediluna (in deutsch Vasco Mondschein), Datierung ungewiss. Das Foto stammt von der Familie Leandri, die einige Fotos aufbewahrt hat, die sie in dem Haus in Montiano gefunden hat, das sie von der Familie Lumediluna erworben hatte

Technik/Details:

Diverse Fotografien in Rahmen und in Tischvitrinen, Fotoabzüge auf Papier, Reproduktionen von Dokumenten, Super- 8-Schmalfilm. Fotoabzug auf Papier. Originalrahmen.
Grösse: 40 × 30 cm

Ricci lupomannaro 2

„Lupo mannaro“ (Werwolf), 2009

Vasco Lumediluna am Meer, Datierung ungewiss. Das Foto stammt aus dem Haus von Herrn Italo Tizzi

Technik/Details:

Diverse Fotografien in Rahmen und in Tischvitrinen, Fotoabzügeauf Papier, Reproduktionen von Dokumenten, Super- 8-Schmalfilm. Fotoabzug auf Papier. Originalrahmen.
Grösse: 10 x 7 cm

Ricci lupomannaro 3

„Lupo mannaro“ (Werwolf), 2009

Vasco Lumediluna mit seiner Familie, 1958. Das Foto stammt von Herrn Italo Tizzi

Technik/Details:

Diverse Fotografien in Rahmen und in Tischvitrinen, Fotoabzüge auf Papier, Reproduktionen von Dokumenten, Super- 8-Schmalfilm. Fotoabzug auf Papier.
Grösse: 10 × 7 cm

Ricci lupomannaro 4

„Lupo mannaro“ (Werwolf), 2009

Vasco Lumediluna fotografiert im Dickicht eines Flussufers, Datierung ungewiss. Das Foto stammt aus dem Haus von Verwandten, wo es von Frau Pagliai aufbewahrt wurde. Super 8 Fim gedreht von Franco Bruni während einer nächtlichen Treibjagd, an der er zusammen mit seinem Vater beteiligt war

Technik/Details:

Diverse Fotografien in Rahmen und in Tischvitrinen, Fotoabzüge auf Papier, Reproduktionen von Dokumenten, Super- 8-Schmalfilm. Fotoabzug auf Papier.
Grösse: 7 × 10 cm

Ricci lupomannaro 5

„Lupo mannaro“ (Werwolf), 2009

Vasco Lumediluna mit seiner Mutter, 1958. Das Foto stammt von Herrn Italo Tizzi

Technik/Details:

Diverse Fotografien in Rahmen und in Tischvitrinen, Fotoabzüge auf Papier, Reproduktionen von Dokumenten, Super- 8-Schmalfilm. Fotoabzug auf Papier.
Grösse: 7 × 10 cm

Ausgewählte Einzelausstellungen

2006 Interfuit, Artopia, Milano
2009 Da buio a buio, Padiglione d‘Arte Contemporanea, Ferrara

Ausgewählte Gruppenausstellungen

2001 Video Rom 2.0, Galleria Giancarla Zanutti, Milano
2002 Tu M‘, Festival Pollen on Passeurs, Paris
2003 Youthquake, Lima‘s space, Milano
The rising generation, Spazio Erasmus, Milano
2004 Your private sky, Festival internazionale sullo spettacolo contemporaneo, Bologna
Visioni dall‘interno – dal vivo, le voci delle artiste, premesse i progetti, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Torino
2005 Poesia in forma di rosa – Tribute to Pasolini (Videoscreening), Galleria d‘Arte Contemporanea, Monfalcone
2006 Dissertare | Disertare, Centro Internazionale per l‘Arte Contemporanea (CIAC), Castello  Colonna, Genazzano
2007 Netmage 07, Palazzo Re Enzo, Bologna
Invisible Miracles, Fondazione A. Ratti, Milano
2008 Location 1 project‘s room, Location 1‘s Gal-lery, New York
A snake on a tree, White Box, New York
A long time ago, Galerija Kortil, Rijeka
Other things seen, other things heard, Alisa Lochhead and Moira Ricci, Market Gallery, Glasgow
2009 Terzo paesaggio –  fotografia in Italia oggi, Civica Galleria d‘Arte Moderna di Gallarate
Horse Pistes 2009, Centre Pompidou, Paris
Eppur si muove, Palazzo Re Rebaudengo
Guarene d‘Alba / Palazzo Ducale, Genova
Realty manipulating – How images redefine the world, Palazzo Strozzi, Firenze
2010 Je suis un autre – Ans Du Festival Mai Photographies, Musée des Beaux Arts, Quimper Rewind, La maison de la vache qui rit, Lons-le-Saunier
Niente da vedere tutto da vivere, Evento parallelo della XIV Biennale Internazionale di Scultura di Carrara, Scuola del marmo, Carrara
Le Festival d‘Arts Visuels Images 2010, Vevey
Chi siamo | About us, Biennale dell‘immagine, Galleria Cons Arc, Spazio Officina, Chiasso
2011 Passwords 11 – Spaces of the Self – Feminity in Italian Video, Centro Cultural Montehermoso
Biennale Giovani, Serrone della Villa Reale, Monza Moira Ricci – Amir Yatziv, Galleria Laveronica Arte Contemporanea, ModicaLes
Photoaumnales, Beauvais

Preise

Vincitore del Premio della Biennale Giovani, Monza
Primo Premio Riccardo Pezza, Milano