Vincenzo Rulli, Rom

« zurück zum Kunstpreis der VAF-Stiftung 2012

Vincenzo Rulli Profil

Ein Handwerker der Ironie und Bildhauer des Unwahrscheinlichen – Vincenzo Rulli ist kontinuierlich auf der Suche nach der eigenen Identität als Mensch und als Künstler. Stets ist er mit seinem Gesicht, mit seinen Händen und mit seinem Mund in seinen Arbeiten gegenwärtig und er erschafft damit einen menschlichen Prototypen, den er in mehreren Aktionen auftreten läßt, um beim Betrachter Reaktionen zu erzeugen – physisch und mental.

Die Interaktion mit einem Gegenüber, mit einem Rezipienten, zeigt sich sehr eindringlich in einem Werk von 2007, das den Titel „Videocalorie“ (Videokalorie) trägt. Bei dieser Arbeit ließ er Latte di Mandorla (Mandelmilch) mit Hilfe einer Wasserpumpe sich in einem breiten Sturzbach in eine Metallwanne ergiessen, wobei er gleichzeitig mittels eines Diaprojektors ein Bild von sich selbst auf diese herabstürzende rein weiße Kaskade projizierte. Der Betrachter konnte, wenn er dies wünschte, durchaus an diesem Vorgang partezipieren, denn er konnte etwas von der Mandelmilch aus Wanne schöpfen und trinken. In dieser Installation führte Rulli drei Elemente ein, die in der Folge zu wiederkehrenden Konstanten aller seiner Arbeiten werden sollten: Als erstes ist dies ein mechanisches Element, das hier mit der Beförderung der Mandelmilch mittels einer Pumpe präsent ist. Als zweites ist dies das Angebot an den Betrachter, sich aktiv zu beteiligen und als drittes ist es die Einbeziehung einer allegorischen Bedeutung, die hier dadurch präsent ist, dass der Künstler sich in dem auf die Milch projizierten Selbstporträt mit einem Granatapfel in der Hand darstellte. Die Allegorie wird dann bei ihm immer mehr zu einem Zitat von mythologischen Motiven aus der Historie, sie dient als Bedeutungsträger und als Schlüssel zur Interpretation der Werke, wobei dies oft gespickt ist mit einem Hauch von Ironie. Dies ist schon an den Titulierungen ablesbar, wie beispielsweise bei dem Werk „Ode a Medusa con cornamusa“ (Ode an Medusa mit Dudelsack), das er 2010 speziell für die Räume des Museums Pietro Canonica im Park der Villa Borghese in Rom entworfen hat. Zu sehen war dabei eine Büste des Künstlers selbst, bei der er einen in weißem Kunststoff ausgeführten Abguss seines Oberkörpers und seines Kopfes verwendete, und diesen in einer Reihe mit Büsten des Bildhauers Canonica aufstellte. Das Überraschungselement war dabei nicht nur der erschrocken wirkende Gesichtsausdruck des Künstlers, sondern vor allem ein durch einen Bewegungsmelder ausgelöster Effekt, der bewirkte, dass dann, wenn sich jemand der Büste näherte, sich mit ohrenbetäubendem Lärm eine größere Anzahl von Faschings-Tröten aus Papier, die auf dem Kopf befestigt sind, durch Druckluft aktiviert, steil nach oben und nach außen aufstellten. Gleichzeitig erröteten die Wangen der Büste während des schrillen Lärms, was zu einem emotionalen Kurzschluss dahingehend führte, dass zwischen den Anzeichen peinlicher Betretenheit bei der Medusa und dem Erschrecken des Betrachters nicht zu unterscheiden war.

In dem neueren Projekt „Cinque esercizi per diventare un imperatore ideale“ (Fünf Übungen, um ein idealer Imperator zu werden), erstmals vorgestellt 2011 in der Galerie Mara Coccia in Rom, installierte Rulli fünf Skulpturen im Raum, bei denen er verschiedene Materialien verwendete und in die er auch wieder Bewegungseffekte eingebaut hatte. Bei der ersten dieser Skulpturen, die „Apogrifo di Adriano“ (Die verborgene Schrift des Hadrian) heißt, verweist eine kleine über dem Kopf des Kaisers schwebende Kugel auf dessen philosophisches Denken, wobei auch hier ein Bewegungsmelder installiert wurde, der bei Annäherung eine Luftpumpe in Betrieb setzt, deren nach oben gerichteter Luftstrom die Kugel über dem Haupt schweben ließ.

Weitaus ironischer noch wirkt die Arbeit mit der Bezeichnung „Senza Tito“ (Ohne Titus, was sich auf den römischen Kaiser dieses Namens bezieht), worin zunächst mit der verbalen Ähnlichkeit zu der häufigen Benennung von Kunstwerken mit „Senza Titolo“ (Ohne Titel) gespielt wird. Zu sehen ist aber ein zum (faschistischen!) „Saluto romano“ (römischer Gruß) ausgestreckter Arm, an dessen Hand ein Jo-Jo in ständigerAuf-und- Ab- Bewegung hängt und damit ein „io – io“(ich – ich) bekundet, dass einerseits die Präsenz eines Individuums unterstreicht andererseits aber auch dessen Fehlen offenbart.

Manuela Pacella

Lebenslauf

Vincenzo Rulli wurde 1980 in Rom geboren, wo er zunächst eine schulische Ausbildung am Humanistischen Gymnasium Tito Lucrezio Caro absolvierte. Danach schrieb er sich an der Akademie der Schönen Künste in Rom im Fach Bildhauerei ein und beendete dieses Studium mit einer Dissertationsarbeit zum Thema „Phänomenologie der zeitgenössischen Kunst“ bei Cecilia Casorati. In derselben Zeit arbeitete er bei Forschungen zur Skulptur und Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts mit. Der Künstler lebt und arbeitet in Rom.

Kunstwerke

Rulli odeamedusaconcornamus 1

„Ode a Medusa con cornamusa“, 2010

Ode an Medusa mit Dudelsack

Technik/Details:

Sockel aus lackiertem Holz, Büste aus patiniertem Kunststoff, An|Aus-Schalter, LED-Leuchten, Luftrüssel mit Tröten (Karnevalsscherzartikel aus Papier mit Mundstück zum Aufblasen und zur Lärmerzeugung), Gebläse, Zeitschaltuhr, Bewegungsmelder, elektrisches Kabel.
Grösse: 150 × 50 × 50 cm

Rulli odeamedusaconcornamus 2

„Ode a Medusa con cornamusa“, 2010

Ode an Medusa mit Dudelsack

Technik/Details:

Sockel aus lackiertem Holz, Büste aus patiniertem Kunststoff, An|Aus-Schalter, LED-Leuchten, Luftrüssel mit Tröten (Karnevalsscherzartikel aus Papier mit Mundstück zum Aufblasen und zur
Lärmerzeugung), Gebläse, Zeitschaltuhr, Bewegungsmelder, elektrisches Kabel.
Grösse: 150 × 50 × 50 cm

Rulli senzatito

„Senza Tito“ (Ohne Titus), 2011

Technik/Details:

Ausgestreckter Arm aus patiniertem Kunststoff, Yo-Yo (Kinderspielzeug) an einem Nylonfaden hängend, lackiertes Holz, elektrisches Kabel, Meccatronik (elektronische gesteuerte Mechanik)
von Felice Farina für Ninalab.

Grösse: 250 × 35 × 100 cm

Rulli apogrifodiadriano

„Apogrifo di Adriano“, 2011

Die verborgene Schrift des Hadrian

Technik/Details:

Sockel aus lackiertem Holz, Porträtkopf des Hadrian aus patiniertem Kunsstoff, Kugel aus Weichplastik, Gebläse, Zeitschaltuhr, Bewegungsmelder, elektrisches Kabel.

Grösse: 180 × 40 × 40 cm

Rulli lamo

„L‘Amo“ (Die Angel), 2011

Technik/Details:

Figur aus patiniertem Kunststoff, Filz, Angelrute, Nylonfaden, Schaumgummi, Eisen, Kleidungsstücke aus Textilien, elektrisches Kabel, Meccatronic (elektronisch gesteuerte Mechanik) von Felice Farina für Ninalab.

Ausgewählte Einzelausstellungen

2007 Arianna, Galleria Spazio Punctum, Roma

2011 Cinque esercizi per diventare un imperatore ideale, Galleria Mara Coccia Arte Contemporanea, Roma

Ausgewählte Gruppenausstellungen

2001 Studi Aperti, Studio Fioramanti, Roma

2004 Museo Storico della Fanteria, Roma
Obiettivo Pax, Paris

2005 Incontro con l‘Accademia, Studio Arte fuori, Roma

2006 LegAmi – un segno nel parco, Parco
Archeologico Ambientale, Tivoli

2007 Opera Bosco, Museo Laboratorio di Arte Contemporanea nella Natura, Viterbo Visioni dell‘umanità,
Galleria Pensieri  in Moto, Roma
Percorsi tra natura e architettura, Accademia di Belle Arti di Roma                                                                                                                        
INVITA, Residenza privata Bulgari, Roma

2008 Contemporaneamonti, Roma

2009 Godart, Museo Laboratorio Ex-Manifattura Tabacchi, Pescara La scultura – dare forma allo spazio,  Museo H.C. Andersen, Roma

2010 The animal room, Museo di Arte Contemporanea di Roma (MACRO Future), Roma
Polvere negli occhi, Museo Permanente di Arte Contemporanea, L‘Aquila
Ente Comunale di Consumo, Centro Internazionale per l‘Arte Contemporanea (CIAC), Castello Colonna, Genazzano
My Generation- Dentro Roma II – Artisti under 35, Museo Pietro Canonica nel Parco della Villa Borghese, Roma

2011 Villa Adriana – Dialoghi con l‘antico, Museo Archeologico di Villa Adriana, Tivoli
Arte e Scienza, FGTecnopol – Parco Tecnologico Tiburtino, Roma