Gianluca Vassallo, San Teodoro Olbia-Tempio

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Gianluca Vassallo

Das zentrale künstlerische Medium des aus Neapel gebürtigen Künstlers Gianlucas Vassallo, der jedoch heute in Sardinien lebt und arbeitet, ist die Fotografie. Es ist dies jenes in der bildenden Kunst der Gegenwart zentrale Medium, welches in zahlreichen ästhetischen Strategien einen vielfältigen Einsatz findet und das vor allem für konzeptuelle Positionen inzwischen unverzichtbar wurde. Es ist nun meine Absicht darzulegen, worin die Besonderheit und die innovative Qualität der Vorgangsweise von Vassallo besteht. Für den Künstler, der sich selbst immer als ein anteilnehmendes Gegenüber seiner „Modelle“ einbringt, ist die Fotografie ein zutiefst humanes Medium der gesellschaftlichen Anteilnahme und den Moment der Aufnahme selbst betrachtet er als einen sozialen Akt. Dies gilt sowohl für ein Projekt wie das des „free portrait“, in dem er eine Folge von etwa 500 Porträts von New Yorker Bürgern, die er auf den Plätzen und Straßen der Metropole aufgenommen hat, realisierte, wie auch für das Projekt „Dentro“, welches er 2012 für das Museum MART in Rovereto konzipierte. In diesem letztgenannten Werk fotografierte er Porträts aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der Aufforderung, dass die Porträtierten einen für sie persönlich zentralen Begriff auf einer Schrifttafel vorzeigen sollten. Alle diese Porträts vereinte er dann in einem Ensemble.

Das nun für die Kunstpreisausstellung der VAF-Stiftung in Auftrag gegebene Projekt mit dem Titel „B Side. Postards from the outskirt“ stammt aus einer Serie, die er „Periferie“ nannte, wobei der Künstler wie auch der Auftraggeber, die VAF-Stiftung, in diesem Fall eine Stadt ausgewählt haben, deren pittoreske Charakteristik zum Überdruss in der kollektiven Vorstellung in Form von permanent in gleichförmiger Weise repetierten Bildstandards präsent ist. Die Stadt, welche solche Voraussetzungen mitbringt und mit der sich Vassallo in seinem aktuellen Projekt auseinandergesetzt hat, ist Venedig, und diese oft tot-gesehene, tot-gesagte und nicht selten wirklich tote Stadt hat Gianluca Vassallo nun auf einem Weg mit seiner Kamera erschlossen, bei der er von den touristisch kaum besuchten Rändern her in sie eindrang. Dabei interviewte er auch Bürger dieser Stadt, verschränkte in seiner Präsentation Verbales (gedruckt oder auditiv) mit fotografischen Bildern und er wählte eine besondere Präsentationsform, mit der er den Besucher der Ausstellung als Handelnden mit einbezieht. Dieser ist aufgefordert, sich aus den auf Wandkonsolen ausgestellten Serien von Postkarten einige Motive auszuwählen und diese kostenfrei an sich zu nehmen, denn so kann er sein jeweiliges Interesse dokumentieren, ohne dabei wie in Venedig üblich zum Angriffsziel ökonomischer Absichten, das heißt zum Käufer zu werden. Die illustrierte Postkarte als Medium ist in diesem Fall nicht ohne Ironie gewählt worden, denn es ist insbesondere dieses Kommunikationsinstrument, über das die Stadt Venedig ihre bis zum Überdruss bekannten Sehenswürdigkeiten geradezu inflationär in Umlauf bringt. Über eine Flut von Postkarten, die täglich in alle Welt versandt werden, finden die venezianischen Veduten samt den sentimentalen Illusionen, die traditionell mit ihnen verbunden sind, ihre Wege in das globale kollektive Bewusstsein.

Der Künstler schafft mit seinem gänzlich anders ausgerichteten Blick auf Venedig sowie mit seinen daraus resultierenden alternativen Postkartenmotiven und mit deren Kommunikationswegen eine Gegenwelt zur populären Schauseite der Lagunenstadt, denn er lässt die von den negativen Auswirkungen des Tourismus betroffenen, die Bewohner der Peripherie, zu Wort kommen. Vassallo geht auf diese ein und er benutzt die Fotografie als ein Medium der sozialen Interaktion und Intervention. Er selbst, seine Offenheit und seine Neugierde, sind dabei nicht zuletzt aktive Komponenten und Elemente der Qualität seiner Arbeit. Er ist also nicht der diskret im Hintergrund stehende, nur beobachtende und sich selbst nicht zeigende fotografierende Reporter, der die Seele der Einwohner stiehlt und dann flieht, nein – er bietet sich persönlich an und er fordert zu einem Feedback auf, in dem Fragen zu den traditionellen wie auch elektronischen Medien von heute reflektiert werden.

Peter Weiermair

Lebenslauf

Gianluca Vassallo wurde am 14. April 1974 in Castellamare di Stabia geboren und er bildete sich in späteren Jahren selbst als Autodidakt in den Techniken sowie in den bildnerischen und inhaltlichen Anforderungen der Bildenden Künste aus. Parallel dazu studierte er gleichfalls in eigener Regie die Theorie der Musik und erwarb sich unter der Anleitung eines Lehrers ein exzellentes Können im Klavierspiel. Zwischen 1999 und 2004 war er bei diversen künstlerischen Projekten aktiv und er betätigte sich als Kulturorganisator wie auch als Regisseur auf dem Gebiet der Musik, des Theaters und des Films. Der Künstler lebt und arbeitet in San Teodoro auf Sardinien.

Kunstwerke

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B Seite: Postkartenmotive von Außenbezirken #3 (Venedig Edition), 2013

51 fotografische Aufnahmen, von denen im Einzelnen jeweils 50 Papierabzüge hergestellt wurden, die auf die Bildseiten von regulären Postkarten aufkaschiert wurden.

Technik/Details:

513 Gefache aus Plexiglas, die in 27 Reihen auf 19 aus weiß lackierten Holzleisten bestehenden Borden montiert sind. In jedem Gefach sind jeweils eine Anzahl von 5 Postkarten einsortiert, so dass ein zehnmaliges Nachfüllen möglich ist.
Die Besucher sind aufgefordert, eine Auswahl von Postkarten unentgeldlich zu entnehmen.

Grösse: Breite 471 cm, Höhe 240 cm, Tiefe 7 cm

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Ausgewählte Einzelausstellungen

2009 „Sapere avvenire“, Palazzo delle Arti (PAN), Napoli

2009 „Maddalena, Trasfigurazione, Transevangelizzazione“, Vxl Art Factory, San Teodoro

2010 „La Balena di Rossellini“, un Film di Claudio Bondi, Festival dell’Arte Cinematografica di Venezia

2010 „Verso sera“, Sala Angioy, Sassari

2010 „La nausea“, Introduzione ad un film impossibile, Teatro Civico, Sassari

2011 „Celebrities, discorsi visivi sul potere“, Centro Kairos per l’Arte Contemporanea, Sassari

2011 „Suicideitaly“, Buco Artbox, Sassari

2011 „Islands: The feminine face of sublime“, Galleria „Le5venice“, Venezia

2011 „Celibrities, discorsi visivi sul potere“, Kenzo Maison, Porto Cervo

2012 „Mancai barrosas – La poetica delle probabilità“, Progetto fotografico specifico, Hospitalis Sancti Antoni – Pinacoteca Comunale Carlo Contini, Oristano

2012 „Dentro | Inside“, Progetto Site specific per MART, Museo di Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto (MART), Rovereto

2012 „Pubblico: Individuo, Cosa pubblica, Pubblici individui“, Progetto per site specific installativo | performativo per Madriche, Nuoro

2013 „Hope: Le nuove migrazioni“, Docu-Film

2013 „Shout!“, presentazione dell‘opera „No money, no honey“, Museo d’Arte Contemporanea di Sassari

2013 „Krisis: What does it means become Hitler“, Expò d’Arte Contemporanea a San Benedetto del Tronto

2013 „BVMXi70 (War)“, Video-Installazione site specific per la Fondazione Meta, Piazza del Teatro, Alghero

2013 „Mattatoio“, Pinacoteca Comunale di Oristano

2013 „The dark knight“, Pinacoteca Comunale di Oristano

2013 „Diario americano“, Bleecker Contemporary Art, San Teodoro