Jacopo Mazzonelli, Trento

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Jacopo Mazzonelli

Jacopo Mazzonelli als Erfinder einer bedeutungsvollen Objektsemantik sowie als einen kreativen Gestalter von signifikanten visuellen Sinnkonstellationen zu bezeichnen, dies dürfte ziemlich exakt den Kern seiner künstlerischen Anliegen treffen. Er ist ein in höchstem Maße von gedanklichen Ideenfindungen ausgehender Künstler und er agiert dabei auf einem hohen intellektuellen wie schöpferischen Reflexionsniveau, auf dem er mit äußerst komplexen inhaltlichen Überlegungen und mit anspruchsvollen interdisziplinären Verknüpfungen seine metaphorischen Werkkonzepte entwirft. Zu den Basismotiven seines Schaffens zählen dabei Themen wie die Zeit und der Zeitrhythmus, das Werden und das Vergehen, die Geschichtlichkeit, die Erinnerung, die Spurensuche oder auch die Prozesse der Evolution.

Ein Beispiel für die Rekonstruktion von gelebtem Leben in Form der Fixierung von Relikten, über die ein erzählerischer Bezug zu einer längst verflossenen Vergangenheit hergestellt werden soll, ist die Arbeit mit dem Titel „Toronto“, die aus vierzehn quadratischen Holzplatten besteht, die vom Künstler in drei Vierergruppen, die sich einzeln wieder zu Quadraten formieren, und in eine übereinander angeordnete Koppelung von nur zwei Quadraten gegliedert wurden. Diese Viererformationen sind mit etwas Abstand und nur, – als zweite Position von rechts –, durchsetzt von dem hochrechteckigen Zweierformat, gleichmäßig nebeneinander positioniert, wobei sie eine malerisch erzeugte Oberflächenbehandlung vorweisen, die an rötliche Erde, an Sand, an Sedimente oder an Rost erinnert. Doch all dies ist offenkundig nur der Fond, denn die eigentlich auffälligen Elemente sind altertümliche eiserne Schlittschuhkufen, die paarweise in einer Konstellation auf den Platten arrangiert sind, die einerseits zufallsbedingt sein könnte, die aber andererseits aber auch die Anmutung einer gewissen Regelmäßigkeit vermittelt, die letztlich eine willkürliche Verteilung ausschließt. Jedenfalls handelt es sich um Modelle von Kufen, die einst an den Sohlen von Schuhen befestigt waren, doch von diesen wie auch von denen, die diese Schuhe getragen haben, fehlt jede Spur und dies wiederum führt zu dem Schluss, dass wir es hier mit Artefakten in einer archäologischen Fundsituation zu tun haben, die Mazzonelli simuliert. Aufklärung verschafft schließlich ein Objekt, das mit der Wandarbeit korrespondiert und das aus einem dreibeinigen Stativ besteht, auf dessen Spitze ein Glaskubus montiert ist, in dem man ein altes, möglicherweise in den zwanziger Jahren entstandenes Foto betrachten kann, das eine Gruppe von vier winterlich bekleideten Mädchen zeigt, die sich auf einem zugefrorenen See zum Schlittschuhlaufen zusammengefunden haben und die, sich teils lachend an den Händen haltend, für einen Fotografen posieren. Auf dem Foto, das Mazzonelli im Historischen Archiv von Toronto entdeckte, hat er die Beine wegretuschiert, aber die Disposition der Schlittschuhkufen auf den Platten entspricht exakt den Beinstellungen, welche die jungen Frauen im Moment der Fotoaufnahme eingenommen hatten.

Eine Arbeit, die sich kritisch mit den oft ideologisch bedingten Denkstandards der Völker- und Rassenkunde auseinandersetzt ist „Taxa“ oder in deutscher Sprache „Taxon“, ein Begriff, der in der Zoologie und Biologie Verwendung findet und der die künstliche Klassifizierung und Einordnung von Lebewesen in abgegrenzte Einheiten wie z. B. Stamm, Art, Rasse etc. bezeichnet. Betroffen durch die technokratische Anwendung der zoologischen Systematik auf Menschen in einem medizinischen Wörterbuch von 1951, in dem er 4 Bildtafeln mit Rassentypen aus allen Erdteilen fand und dazu auch die entsprechenden Klassifizierungen, entwickelte er eine Präsentation, bei der er Reproduktionen der Abbildungen dieser rassistisch definierten Phänotypen auf Glasplatten übertrug und diese Platten auf Konsolleisten so verteilte, dass die Gesichter sich überdecken und sich somit rassentheoretisch egalisieren und neutralisieren. Das Thema Zeit und Zeitwahrnehmung durch Rhythmisierung des Zeittaktes bis in die Unendlichkeit liegt dem Werk „8601“ zugrunde, wobei der Titel sich auf den Begriff ISO 8601 bezieht, was wiederum die Bezeichnung für den internationalen Standard der Darstellung von Daten und Zeiten ist. Auf einem kleinen Monitor sieht man einen Ball, der in einer permanenten gleichförmigen Bewegung auf den Boden aufprallt, danach wieder hochspringt und zurückfällt, wobei diese repetitive Sequenz, die keinen Anfang und kein Ende kennt, mit einer Hochgeschwindigkeitskamera aufgenommen wurde und so in Zeitlupe abläuft. Dabei zählt, wie der Künstler selbst kommentierte, nicht die pulsierende Aktion selbst, sondern die Erwartungsspannung, welche bei jedem Aufprall des Balls aufs Neue provoziert wird.

Klaus Wolbert

Lebenslauf

Jacopo Mazzonelli wurde 1983 in Trento geboren und er absolvierte zunächst ein Musikstudium an der Internationalen Akademie TEMA in Mailand , das er mit einem Diplom für zeitgenössische Musik sowie als ein professioneller Konzertpianist abschloss. Parallel dazu begann er Skulpturen und Installationen zu realisieren, wobei er oft akustische Elemente wie Klänge, Geräusche und Rhythmen oder auch das Phänomen der Stille integrierte. Er lebt und arbeitet in Trento.

Kunstwerke

Jacopo Mazzonelli Work 0

„8601“, 2013

Technik/Details:

TV-Bildröhre und innere apparative Strukturen eines Fernsehgerätes, Eisen, DVD für Video-loop
Grösse: 35 × 21,5 × 26 cm

Jacopo Mazzonelli Work 1

Klassifikation, 2013

Technik/Details:

Übertragung von Toner d. h. von Druckfarbe für Kopiergeräte auf Glasscheiben, Profi lleisten aus Aluminium. Maße der Glasscheiben: 24 × 18 cm
Grösse: Maße der Installation variabel

Jacopo Mazzonelli Work 2

Klassifikation, 2013

Technik/Details:

Übertragung von Toner d. h. von Druckfarbe für Kopiergeräte auf Glasscheiben, Profi lleisten aus Aluminium. Maße der Glasscheiben: 24 × 18 cm
Grösse: Maße der Installation variabel

Jacopo Mazzonelli Work 3

Toronto, 2013

Technik/Details:

Eiserne Schlittschuhkufen, 14 bemalte quadratische Holzplatten, Plexiglas
Grösse: 100 × 395 × 14 cm

Jacopo Mazzonelli Work 4

Toronto, 2013

Technik/Details:

Dreibeiniges Stativ, Holz, Glaskubus, historische Fotografie einer Mädchengruppe auf dem Eis
Grösse: 132 × 43 × 40 cm

Jacopo Mazzonelli Work 5

Ausgewählte Einzelausstellungen

2006 (S)OGGETTO, Nuovo Spazio Arte L’OFFicina, Trento

2007 „Ask the dust“, Foyer del Centro S. Chiara, Trento (zusammen mit | in collaborazione con Piero Cavagna)

2007 PARZIALE / 8, Scirocco, Pergine Valsugana

2008 „ASCENSION“, Performance audio / video, Lavis / Merano

2008 „40.208“, Installazione, Festival dell’Economia, Trento

2008 „PARALLELS“, Numerouno artecontemporanea, Trento

2009 „Playlist: Ex ignorantia ad sapientiam; Ex luce ad Tenebras“, Neon Campobase, Bologna

2009 „Intermission“, NeroCubo Project | Room Project, Rovereto

2010 „ARCHETYPICAL“, Galleria Studio 44, Genova

2010 „Double Silence“, L’Ozio, Amsterdam

2010 „Caos“, Villa de Gentili, Sanzeno (zusammen mit | in collaborazione con Gianni Pellegrini)

2010 „Camera inversa | Revers Room“, Galleria Paolo Maria Deanesi, Rovereto

2011 „In affectionate Memory“, Fondazione Galleria Civica – Centro di ricerca sulla contemporaneità, Trento

2012 Premio Francesco Fabbri, Palazzo Giacomelli, Treviso (zusammen mit | in collaborazione con Simone Bergantini)

2012 „Coro“, Federico Bianchi Contemporary Art, Milano

2013 „Creating the History“, Galleria Paolo Maria Deanesi, Rovereto

Ausgewählte Gruppenausstellungen

2007 Video.it, Accademia Albertina di Belle Arti, Torino

2007 „Emotional Maps“, The Microsoft Research Center, Povo

2007 „All Levels“, Officine Monzani, Trento

2008 Premio Internazionale della Performance, Galleria Civica, Trento

2008 „Radar 01“, Indagine Biennale sulla giovane Arte in Trentino, Riva del Garda

2008 „Auguri ad Arte“, Museo di Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto (MART), Rovereto

2009 „Dream room project“, Palazzo dalla Rosa Prati, Parma

2010 „Who want to use my windows?“, Galleria Paolo Maria Deanesi, Rovereto

2010 „Piramidi in movimento“, Galleria Civica, Trento

2010 „Okay, I have had enough, what else can You show me?“, DOCVA, Milano

2010 „Uno sguardo senza peso“, Palazzo Piazzoni Parravicini, Vittorio Veneto

2010 „Spectator is a worker“, Festival Tina B., Jób Gallery, Prag

2011 „Linea a limite“, Lanserhaus, Appiano „Drawings wall“, Galleria Paolo Maria Deanesi, Rovereto

2011 Regioni e testimonianze d’Italia, Complesso del Vittoriano, Roma

2011 „Hear me out“, Centro Internazionale per l’Arte Contemporanea (CIAC), Castello Colonna di Genazzano

2011 „Lo stato dell’arte“, Palazzo Trentini, Trento

2012 “Claim“, Neue Berliner Räume, Berlin

2012 „Fragile per sempre“, Palazzo Incontri, Roma

2012 „Storytellers di una possibile narrazione“, Parco Centrale, Padova

2012 „Limits line“, Committee of the Regions, Bruxelles Piccolo Festival dell’Arte, Facoltà di Lettere e Filosofia, Trento

2012 „Limits line“, Hofburg, Innsbruck

2013 „Hotel“, Castello di Rivara – Centro d’Arte Contemporanea, Torino

2013 „Blumm Prize“, Ambasciata della Repubblica Italiana, Bruxelles