Laurina Paperina, Mori (TN)

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Laurina Paperina

Ihr Pseudonym gibt schon einen entscheidenden Hinweis auf den sehr juvenilen Ansatz ihrer Kunst und auf die Tendenz, die sie in ihrer künstlerischen Stilistik sowie in der von ihr bevorzugten Thematik vertritt. Denn der von ihr gewählte Nachname Paperina, mit dem sie sich vorstellt, besagt im Italienischen nichts anderes als die Bezeichnung für die populäre Comicfigur Donald Duck, wobei die Künstlerin Laurina Paperina diese Identifizierung mit der legendären Schöpfung von Wald Disney noch damit verstärkt, dass sie als ihren Wohnsitz – neben Italien – die kosmische Fantasieregion „Duckland“ angibt, wobei man im Deutschen an dieser Stelle eher die hier in den entsprechenden Filmen und Heften eingeführte Bezeichnung „Entenhausen“ wählen würde.

Die Richtung, welche damit angezeigt ist, bestätigt sich bei der Konfrontation mit ihren bildnerischen Hervorbringungen: Laurina Paperina hat jene bekannten Charakteristiken der grafischen Darstellung, die für Comicstrips typisch sind, zu einem persönlichen künstlerischen Stilmittel erklärt. Das heißt, sie hat sich die bewusst infantilen Eigenarten der Bildsprache und die plakative Drastik der Darstellung sowie den grafischen Modus der Ausdrucksmittel ebenso angeeignet wie das bunte und kontrastreiche Kolorit und die spezifische Manier der karikierenden Figuren- und Tierzeichnungen. Schließlich versucht sie sich auch in der totalen Enthemmung einer möglichst irren und ausgeflippten Fantasie, wie sie in den populären Gattungen der Zeichentrickfilme, der Cartoons, der Comics und der Graffiti gewagt werden. Jedoch nicht die Missgeschicke von Donald Duck, der eher eine harmlos biedermännische und tollpatschige Knallcharge ist, geben die Tendenz für ihr Schaffen vor, vielmehr ist dieses bei ihr weitaus unartiger, aufsässiger und despektierlicher konnotiert, als dies in den Geschichten um Donald, Daisy Duck, Gustav Gans oder Dagobert Duck der Fall ist. Eher kommen einem Gestalten wie Homer Simpson von Matt Groening, Fritz the Cat von Robert Crump oder Blecky Yuckerella von Johnny Ryan in den Sinn, wenn man in der Comicszene nach Vergleichen für ihren satirischen Ansatz sucht.

Mit Akteuren dieser Spezies ist schon angedeutet, dass es in den Werken von Laurina Paperina eben nicht folgenlos heiter, unbeschwert fröhlich und bürgerlich gesittet zugeht, vielmehr begegnen wir bei ihr einer radikalisierten Extremform des maliziösen Witzes, der absurden Komik und des schwarzen Humors, wie sie sich vorzugsweise in den subversiven Milieus des Undergrounds und in subkulturellen sozialen Szenen entfalten. Das verrückte Personal und die vermenschlichten Tierfiguren in den Bildern von Laurina Paperina können sich auf Vorbilder berufen, die in einer ausgeflippten und punkigen Gegenwelt zu den saturierten Lebens- und Kulturstandards des Establishments entstanden sind. Die hier üblichen exzentrischen und bizarren Mittel des bildnerischen Ausdrucks, zu denen auch die Produktionen der wahnwitzigen Anarchy Comics, der Zap Comics und der Rage Comics sowie Trickfilme wie „Life in hell“ gehören, zählen ebenso zu ihrem Repertoire wie die schrillen Protagonisten aus „Sonic Underground“, „Angry Youth Comix“ oder „Take a Joke“. Sie finden ihr Echo ebenso in den Werken von Laurina Paperina, wie die Manga-und Animefigurinen aus Japan. Schließlich könnten für Paperina aber auch die „pieces“ der jugendlichen Graffitimaler für Anregungen gesorgt haben und selbstverständlich Künstler, die aus dieser Szene heraus zu musealer Anerkennung aufgestiegen sind, wie Keith Haring oder Jean-Michel Basquiat.

Mit einem erkennbar ironischen, persiflierenden und entmystifizierenden Impetus hat Laurina Paperina ihr großes vielfiguriges Satire- Gemälde „The Amazing Art World“ komponiert, wobei sie in Form eines grotesken und turbulenten Pandämoniums exponierte und verehrte Namen der modernen Kunst oder aber tierische bzw. dingliche Anspielungen auf deren Werke in einer derart tumultuös angelegten Choreografie versammelte, dass es nicht nur einer fundierten Kenntnis des Kunstbetriebs bedarf, um die einzelnen Mitwirkenden zu identifizieren, sondern auch des Eingehens auf ein komplexes Such- und Ratespiel. Diejenigen, die man auf Anhieb ausdeuten kann, sind Sujets von Mark Chagall, von Frida Kahlo und Edvard Munch, von dem „Der Schrei“ am linken Bildrand zu sehen ist, sodann die Ziege von Robert Rauschenberg, Andy Warhol als Banane, das Pissoir von Marcel Duchamp, Pablo Picasso mit seinen (antiquierten!) Malerpinseln aufgebahrt im Sarg, der Frosch von Martin Kippenberger und Marina Abramovic, die auf einer Anhäufung von Schädeln sitzt, was an eine ihrer berühmtesten Performances erinnert. Weiter entdeckt man Shirin Neshat mit Pocken anstelle der Schriftzeichen im Gesicht, die Maus von Banksy, den genervten Galeristen des Maurizio Cattelan, Keith Haring und seinen Hund, die Künstlerscheiße von Piero Manzoni, den Elefanten von Douglas Gordon, den Kojoten und den Hut von Joseph Beuys, eine Puppe der Chapman Brothers und Pop- Figuren von Yoshitomo Nara und Takashi Murakami. Auf Monitoren, die in die Fläche des Bildes eingesetzt sind, werden nochmals optische und akustische Kommentare zu der versammelten Prominenz abgegeben. So richtig respektlos, sarkastisch, gemein und grausam geht es aber in der Serie von Slapstick- Videofilmen zu, die sie Bild für Bild mit teuflischer Fantasie gezeichnet und mit dem Titel „How to kill the artists“ bezeichnet hat. In diesen kurzen Dramen schildert sie das Ableben von berühmten Künstlerpersönlichkeiten jeweils als Folge eines von den Akteuren selbstverschuldeten Betriebsunfalls, wobei diese ihren unerwarteten Tod regelmäßig bei der Ausübung von solchen kreativen Aktivitäten erleiden, die für sie und für ihr künstlerisches Wirken jeweils als Markenzeichen gelten.

Klaus Wolbert

Lebenslauf

Laurina Paperina wurde 1980 in Rovereto geboren. Ihre künstlerische Ausbildung absolvierte sie zunächst am Kunstinstitut in Rovereto, wo sie 1999 ein Diplom in den Fächern künstlerische Grafik und Fotografie erwarb. Danach studierte sie das Fach Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Verona und schloss dort 2005 mit einer Promotion ab. Ihre Werke sind stark beeinflusst von Comics und Cartoons, sie lebt und arbeitet teils in Mori im Trentino teils in Duckland, d. h. in Entenhausen, einem kleinen Ort in den Tiefen des Universums.

Kunstwerke

Laurina Paperina Work 0

Wie man Künstler umbringt 8, 2012

Louise Bourgeois

Technik/Details:

8 Video-Zeichentrickfilme auf 8 Monitoren im Format 16 : 9, PAL, Audio-Stereo-Technik, Dauer jeder einzelnen Episode circa 40 Sekunden

Laurina Paperina Work 1

Wie man Künstler umbringt 8, 2012

Mario Merz

Technik/Details:

8 Video-Zeichentrickfilme auf 8 Monitoren im Format 16 : 9, PAL, Audio-Stereo-Technik, Dauer jeder einzelnen Episode circa 40 Sekunden

Laurina Paperina Work 2

Wie man Künstler umbringt 8, 2012

Cindy Sherman

Technik/Details:

8 Video-Zeichentrickfilme auf 8 Monitoren im Format 16 : 9, PAL, Audio-Stereo-Technik, Dauer jeder einzelnen Episode circa 40 Sekunden

Laurina Paperina Work 3

Wie man Künstler umbringt 8, 2012

Christo

Technik/Details:

8 Video-Zeichentrickfilme auf 8 Monitoren im Format 16 : 9, PAL, Audio-Stereo-Technik, Dauer jeder einzelnen Episode circa 40 Sekunden

Laurina Paperina Work 4

Wie man Künstler umbringt 8, 2012

Felix Gonzalez Torres

Technik/Details:

8 Video-Zeichentrickfilme auf 8 Monitoren im Format 16 : 9, PAL, Audio-Stereo-Technik, Dauer jeder einzelnen Episode circa 40 Sekunden

Laurina Paperina Work 5

Wie man Künstler umbringt 8, 2012

Mike Kelley

Technik/Details:

8 Video-Zeichentrickfilme auf 8 Monitoren im Format 16 : 9, PAL, Audio-Stereo-Technik, Dauer jeder einzelnen Episode circa 40 Sekunden

Laurina Paperina Work 6

Wie man Künstler umbringt 8, 2012

Raymond Pettibon

Technik/Details:

8 Video-Zeichentrickfilme auf 8 Monitoren im Format 16 : 9, PAL, Audio-Stereo-Technik, Dauer jeder einzelnen Episode circa 40 Sekunden

Laurina Paperina Work 7

Wie man Künstler umbringt 8, 2012

Ai Weiwei

Technik/Details:

8 Video-Zeichentrickfilme auf 8 Monitoren im Format 16 : 9, PAL, Audio-Stereo-Technik, Dauer jeder einzelnen Episode circa 40 Sekunden

Laurina Paperina Work 8

Die erstaunliche Welt der Kunst, 2013

Technik/Details:

Malerei mit wasserlöslicher Lackfarbe, Acrylfarbe und Filzstiften auf 3 Holzplatten, die auf eine Rahmenkonstruktion montiert sind, 4 Zeichentrickfilme in Videowiedergabe auf 4 Monitoren, die in das Gemälde integriert sind
Grösse: 150 × 300 cm

Laurina Paperina Work 9

Die erstaunliche Welt der Kunst, 2013

Technik/Details:

Malerei mit wasserlöslicher Lackfarbe, Acrylfarbe und Filzstiften auf 3 Holzplatten, die auf eine Rahmenkonstruktion montiert sind, 4 Zeichentrickfilme in Videowiedergabe auf 4 Monitoren, die in das Gemälde integriert sind
Grösse: 150 × 300 cm

Ausgewählte Einzelausstellungen

2005 „Che fine ha fatto Mr. Stripes?“, Sala Celio, Rovigo

2005 „The amazing Pape“, Galleria Perugi artecontemporanea, Padova

2006 „Hot Drawings“, Erdmann Contemporary Gallery, Cape Town, South Africa

2007 „ROT(T)FL“, Freight + Volume Gallery, New York

2007 „BrainDead“, Galleria Perugi artecontemporanea, Padova

2008 „Würstelland“, Siemens ArtLab, Galerie Ernst Hilger, Wien

2008 „One Foot in the Grave“, Galerie Magda Danysz, Paris

2008 „Freak Show“, Travesia Cuatro Gallery, Madrid

2009 Premieren Tage 09, Stiller Speicher, Space/ Hypo Tirol, Innsbruck

2009 „Ridiculous Things“, Lincart Gallery, San Francisco

2009 „Bad!“, Rubicon Gallery, Dublin

2009 „Things“, Galleria AB 23, Vincenza

2010 Laurina Paperina, 18 Gallery, Shanghai

2010 „Neither use nor ornament“, Galleria Perugi artecontemporanea, Padova

2011 Laurina Paperina, Video Project, Studio Trisorio, Roma

2011 „The Volta Show“, Perugi artecontemporanea Gallery, New York

2011 „How to kill the artist“, Nassauischer Kunstverein, NKV Extra, Wiesbaden

2011 „Hello Hell!“, Lab Comacina, Lugano

2012 „New Pollution“, Studio d’Arte Raffaelli, Trento

2012 „Bad Wall“, Nothing Else Contemporary Art, Napoli

2012 „Bad Smell“, Fouladi Project, San Francisco

2013 „Spaceballs“, Galeria Ferrari Cano, Palma de Mallorca

Ausgewählte Gruppenausstellungen

2002 „Gemine Muse“, Museo Storico, Trento

2003 87ma Mostra Collettiva, Fondazione Bevilacqua La Masa, Venezia

2004 „Coppi Picasso“, Galleria Toselli, Milano

2005 „Departures“, Galleria Civica di Arte Contemporanea, Trento

2005 „Creative Soup“, Galleria Goethe 2, Bolzano Traffic Zone a Venezia, Fondazione Bevilacqua La Masa, Venezia

2005 „Delicate Kinship“, Hanna Gallery, Tokyo

2006 „Saluti da Monfalcone: 6 artiste per un territorio“, Galleria Comunale d’Arte Contemporanea, Monfalcone

2006 „Quartetto a Palazzo Wolkenstein“, Studio d’Arte Raffaelli, Trento

2006 „Dissertare | Diseratare“, Centro Internazionale per L’Arte Contemporanea (CIAC), Castello Colonna Genazzano

2006 „Videoart Yearbook 2006“, Chiostro S. Cristina, Bologna

2006 „Venezia nel cuore“, Centro d’Arte Contemporanea, Cavalese (Trento)

2006 „40 x 40 circa“, Pay and Dispay, Verona „Nord South“, Galerie Magda Danysz, Paris

2007 „cARToons | comics in contemporary art“, Castel Sant’Elmo, Napoli

2007 Mulhouse 7, Parx des Exposition, Mulhouse

2007 „Bellavita“, New Chinatown Barbershop Gallery, Los Angeles

2007 „Sticker art revolution!“, Biblioteca Civica Tartarotti, Rovereto

2007 „Inner Child: Good and Evil in the Garden of Memories“, Hunterdon Museum of Art, Clinton (New Jersey)

2008 „Money Lisa“, Mondo Pop, Roma

2008 „Toys R Us“, Brändström & Stene Gallery, Stockholm

2008 „Fuori Luogo | Out of Place“, Manifesta 7, Trento

2008 „Point of View“, Tebisonda Centro per le Arti visive, Perugia

2008 „Provocazioni fra le nuvole“, Fondazione Cà La Ghironda, Zola Predosa (Bologna)

2008 „Not too bad“, Galleria Perugi artecontemporanea, Padova

2009 4 Young female Artists, Haas & Fischer, Zürich

2009 „Labirinto | Libertà – Forte Asburgico“, Fortezza

2009 „Terrible Girls“, Galleria Toselli, Milano Preview, Stene Project Gallery, Stockholm

2009 „Voyage Sentimental“, Frac, Montpellier „The hand that draws by itself“, 18 Gallery, Shanghai

2009 Rendez-Vous 09, Biennale de Lyon, Institut d‘Art Contemporain, Villeurbanne

2009 „Upupa“, Galleria BLUorg, Bari

2009 „Kinder Art“, Triennale Bovisa, Milano

2009 „Suspect Reason“, Art Lexis, Brooklyn New York

2010 „Lumen‘“, Complesso Santa Sofia, Salerno

2010 „Back from Black“, Museo MADRE, Napoli

2010 „A sense of humor: Finding the funny in contemporary art“, J. M. Kohler Art Center, Sheboygan (Wisconsin)

2010 „Casanova for ever“, École Supérieure des Beaux- Arts, Nimes

2010 Drawing a Video, Janco Dada Museum, Ein

2010 Hod Artists Village, Haifa

2010 „Nouveau Grotesque“, Palazzo Foscolo, Oderzo Video Preview – Collezione Ernesto Esposito, Forum Universal de las Culturas Valparaios, Ex- Frigorifico Baron, Valparaiso

2011 „I like the art world and the art world likes me“, The Elisabeth Foundation for the Arts, New York

2011 „Drawings Wall“, Galleria Paolo Maria Deanesi, Rovereto

2011 Nuova creatività italiana, Associazione Culturale La Fabbrica, Gambettola (Cesena)

2011 „Tra il sublime e l’idiota. L’umorismo nell’arte contemporanea italiana“, Museo Napoleonico Palazzo Bersani Bezzi, Tolentino

2011 „Comics make art - Art makes comics“, Galerie Ernst Hilger, Wien

2011 54. Esposizione Internazionale d’Arte della Biennale di Venezia, Padiglione Accademie, Arsenale Nord, Venezia

2011 54. Esposizione Internazionale d’Arte della Biennale di Venezia, Padiglione Trentino A.A. Südtirol, Palazzo Trentini, Trento „Flashmob“, Kunsthaus Essen, Essen

2012 Nuova creatività italiana, Chiesa di San Carpoforo, Milano

2012 „Col-lectiva“, Galeria Ferran Cano, Barcelona

2012 „BYOB“, Museo Pecci, Prato

2012 „Overlook“, MD Gallery, Shanghai

2012 „POPism / 63“, Premio Michetti, Palazzo S. Domenico, Francavilla al Mare

2012 „Pull the Thread“, Artium – Centro Museo Vasco de Arte Contemporaneo, Victoria-Gasteiz

2012 „La magnifica ossessione“ Museo di Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto (MART), Rovereto

2012 „Matter of choices“, CCA Kunsthalle, Mallorca

2012 „Limits Line“, Hofburg, Innsbruck

2013 Screen Festival, Galeria Ferran Cano, Barcelona 2013 Due grandi collettive, Galleria D 406, Modena

2013 „City of Women“, Galleria Santa Chiara, Cosenza