Marco Maria Giuseppe Scifo, Milano

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Marco Maria Giuseppe Scifo

Marco Maria Giuseppe Scifo verkörpert den Typus des ingeniösen Künstlers, der ein schöpferischer Gestalter von ästhetischen Kreationen ebenso ist wie ein spekulativer Denker und Erfinder. Das heißt, er setzt eine Tradition fort, die vor allem in der italienischen Kultur seit der Renaissance und später auch im Manierismus wie im Barock lebendig war und in der Vermögen wie Fantasie und Forschergeist, Kunst und Wissenschaft, bildnerische Gestaltungskraft und technisches Wissen noch nicht getrennt waren. Künstler dieser Spezies, die das Ideal des uomo universale repräsentierten, belieferten einst die fürstlichen Kunst-und Wunderkammern, Scifo überläßt heute die Rezeption der Schöpfungen aus dem Kosmos seiner Ideen der Allgemeinheit. Seine Objekte und Installationen sowie auch seine Bildgestaltungen, in denen er sich als ein bravouröser Zeichner erweist, sind Kunst in einem erweiterten Verständnis, denn sie affizieren nicht nur die sinnliche Wahrnehmung sondern auch die kognitive Reflektion, wobei er sich in einem platonischen Sinne auf die Natur sowie auf dessen im Dialog „Timaios“ erläuterten Begriff der „Weltseele“ bezieht. Das Werkprogramm von Scifo, das er als ein „laboratorio habitat“ (Labor der von Menschen bewohnten Umwelt) bezeichnet, spiegelt seine intensive Auseinandersetzung mit der Natur als einem einzigen vitalen Organismus wider, wobei er davon ausgeht, dass dessen Lebenskraft aus einer gemeinsamen universellen Seele gespeist wird.

Eine Arbeit, die dezidiert vom platonischen Idealismus und von dessen Präferenz für mathematisch zu bestimmende Strukturen inspiriert ist, heißt „Globo pentacisdodecaedro“, worin Scifo, wie er selbst äußerte, bestrebt war, die sphärische Form der Erde zu geometrisieren, mit dem Ziel, ihre Form zu präzisieren und ihr Volumen zu schätzen. Um dies zu erreichen, benutzte er das von dem belgischen Mathematiker Eugène Charles Catalan im Jahre 1865 erstmals beschriebene „Pentakis dodecahedro“, also einen facettierten kugelförmigen Körper, der aus den Flächen von 60 gleichseitigen Dreiecken zusammengefügt ist. Von diesem Ansatz ausgehend gelang es Scifo, aus Papier einen miniaturisierten maßstabsgerechten Globus zu realisieren, der geometrisch absolut regulär ist und dessen Gestalt durch keine Zufälligkeiten verunklärt ist. Auf dieses Ergebnis trug er dann die Umrisse der Kontinente ein und er montierte den Globus auf einen von einem Elektromotor in Drehung versetzten Stift, so dass auch die Rotation der Erde, deren Achse er zudem korrekt in eine Schräge von 23 Grad versetzte, simuliert werden kann.

Die Veranschaulichung physikalischer Prinzipien in Bezug auf Aggregatzustände des Wassers sowie die Einrichtung einer Beobachterposition gestaltete er in der experimentellen Rauminstallation „Iceberg – Project room“, wobei er zunächst das Modell eines Eisbergs, das heißt, ein Objekt mit der charakteristischen kristallinen Silhouette eines Eisbergs, so wie diese über der Wasseroberfläche sichtbar ist, durch Gefrieren von Wasser in einer Silikonform herstellte. Mit der Spitze nach unten befestigt er dann dieses tiefgefrorene Eisberg-Modell an der Decke eines Raumes, wo dieses, erhellt von einem Punktstrahler, nicht nur das Faszinosum eines leuchtenden kristallinen Phänomens entfaltet sondern auch allmählich abschmilzt. Zur besseren Beobachtung dieses Vorgangs wie auch zum Erleben der ästhetischen Wirkung stellt er dazu eine Leiterkonstruktion mit einem Sitz auf einer erhöhten Plattform daneben auf. Die Herstellung des Eisberg- Modells in einer bereitstehenden Gefriertruhe muss täglich wiederholt werden.

Eine ähnlich erfindungsreiche Verwandlung von Naturphänomenen in künstlerische Imaginationen gelingen ihm auch in der Video-Animation „In Nubibus“ (In den Wolken), wo zeichnerisch erstellte Bilder von Wolkenformationen und – bewegungen mit Hilfe eines Beamers zuerst auf einen an der Decke befestigten Spiegel projiziert werden, von dem schließlich diese dann zurück zum Boden auf eine Fläche, bestehend aus ausgestreutem Meersalz, geworfen werden. Die Metaphorik diese Szenarios ist überzeugend, die Wolken kehren dahin zurück, woher sie gekommen sind, zum Meer.

Lebenslauf

Marco Maria Giuseppe Scifo wurde 1977 in Augusta bei Syrakus geboren und in Syrakus besuchte er dann von 1992 bis 1997 das Staatliche Kunstinstitut, wo er ein Zeugnis der künstlerischen Reife für dekorative Bauskulptur, das heißt für die bildhauerische Arbeit mit Marmor sowie mit harten Steinen, erwarb. Danach studierte er ab 1997 an der Brera, der Akademie der Bildenden Künste in Mailand, und schloss diese Ausbildung 2001 mit einem Titel in Bildhauerei ab. Im Jahre 2000 gewann er ein Erasmus Stipendium, das es ihm ermöglichte, zeitweise an der Akademie der Bildenden Künste in Berlin zu studieren. Der Künstler lebt und arbeitet in Mailand.

Kunstwerke

Marco Maria Giuseppe Scifo Work 0

In den Wolken, 2012

Video-Animation

Technik/Details:

Video-Beamer, an der Decke befestigter Spiegel, der ein vom Beamer ausgestrahltes Bild mit Wolkenmotiven zum Boden hin umlenkt, wo es auf einer Fläche mit ausgestreutem Meersalz sichtbar ist.
Die Größe des Bildes auf dem Boden und die Positionierung der Salzfläche sind abhängig von den räumlichen Gegebenheiten

Marco Maria Giuseppe Scifo Work 1

Eisberg – Projekt Raum, 2010

Technik/Details:

An der Decke befestiges Eisberg-Modell aus Eis mit dazu gehörender Deckenhalterung, Punktstrahler, Stehleiter aus Aluminium mit einem Sitz aus Kunststoff auf der oberen Stehfläche, Holz und Kunststoff, Gefriertruhe, Gussform aus Kunstharz und Silikon, tiefgefrorener Eisblock
Sitzhöhe auf der Leiter 240 cm
Maße der Installation raumbedingt

Marco Maria Giuseppe Scifo Work 2

Globus im Maßstab 1 : 200 000 000, 2012

Technik/Details:

Globus aus Papier, Schieferplatte, Elektromotor 4 Watt
Durchmesser des Globus 6,371 cm
Plattenmaß 120 × 90 × 20 cm

Marco Maria Giuseppe Scifo Work 3

Der Vulkan Ätna, 2013

Video-Animation

Technik/Details:

Video-Beamer, Platte aus Gipskarton, die mit Gips beschichtet ist und die von zwei Stegen aus Eisen an einer Wand gehalten wird
Die Größe der Gipskartonplatte sowie deren Positionierung sind abhängig von den räumlichen Gegebenheiten

Marco Maria Giuseppe Scifo Work 4

Gletscher, 2013

Technik/Details:

Zeichnung mit Graphitstift auf einer Gipsschicht, die auf eine Platte aus weißem Carraramarmor aufgebracht ist
Grösse: 120 × 90 × 1 cm

Ausgewählte Einzelausstellungen

2005 Marco Maria Scifo, Galleria Unorossodue, Milano

2007 „Apicoltura“, Galerie du Tableau, Marseille

2010 „Eye run“, Galerie du Centre Culturel Francais de Milan, Palazzo delle Stelline, Milano

2011 „Running Glance“, Z2O Galleria, Sara Zanin, Roma

2012 „Project Space“, Molins Interiors, Barcelona

2012 „Laboratorio habitat“, Associazione Culturale beBOCS, Catania

2013 „Habitat“, Z2O Galleria, Sara Zanin, Roma

Ausgewählte Gruppenausstellungen

2004 „Scultura a Villa Braila“, Lodi

2004 „Da lontano era un’isola“, Classe 2004 dell’ Accademia di Brera, Careof e Fabbrica del Vapore, Milano

2004 Centro Cultural Borges, Istituto Italiano di Cultura, Buenos Aires

2005 „Parking“, Galleria Unorossodue, Milano

2005 Associazione culturale „Starter“, Milano

2008 Seconda edizione del Concorso Internazionale per giovani scultori della Fondazione Arnaldo Pomodoro, Vincitore del Premio Acquisto del Gruppo UniCredit, Milano

2008 Museo Gennaro Pérez, Cordoba (Argentina)

2008 „Pericoloso Sporgersi“, L’Atelier Soardi, Nizza

2009 „Venti di Brera“, Hofburg Innsbruck

2009 Collettiva promossa dalla Banca Profilo al Palazzo della Borsa di Milano

2010 „Open 13“, Esposizione Internazionale di Scultura ed Installazione, Venezia, Isola di San Servolo

2010 7. Biennale Internazionale di Scultura della Regione Piemonte, Premio Umberto Mastroianni

2011 „Temporaneamente Nuovi – Torano Giorni e Notte XIII, Torano, Carrara

2011 „Show Time“, Galleria ZAK, Monteriggioni, Siena

2011 „Il quinto atto“, Galleria Biagotti, Firenze

2012 13. Premio Cairo, Palazzo della Permanente, Milano

2013 „Digital Life. Human Connections“, MACRO Testaccio, Roma