Margherita Moscardini, Donoratico – Castagneto Carducci (LI)

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Margherita Moscardini

Kontemplativ und komplex wirken Margherita Moscardinis Werke, in denen sie Raum und Zeit, Landschaft und Architektur, Bild und Illusion miteinander verschränkt. Im Mittelpunkt ihres Interesses stehen Transformationsprozesse, Aneignungen und Bedingungen, die eine Veränderung und Verwandlung bewirken. Diesen Kontext versucht sie in ihren ortsbezogenen Werken zu vermitteln, indem sie diese nicht als abgeschlossene, sondern als im Prozess befi ndliche Projekte versteht.

Die Idee zur ausgestellten Arbeit 1 × Unknown (2012 – ) ist während eines Stipendienaufenthaltes in der Fondazione Pastifi cio Cerere in Rom entstanden, als Moscardini nach bewohnbaren Skulpturen und permanenten Architekturen suchte, die einerseits in die Landschaft eingebunden, andererseits in ihrer architektonischen Singularität und in ihrer Historizität einen Denkmalcharakter aufweisen. Diese Kriterien erfüllen die erhalten gebliebenen Bunker des Atlantik Walls. Jene wurden als Abwehr während des Zweiten Weltkriegs entlang der Atlantikküste errichtet, wo die deutschen Besatzer die Invasion der Alliierten erwarteten. Noch heute trotzen sie stoisch ihrem Schicksal der Vergänglichkeit als erhaben wirkende Ruinen.

Moscardinis Installation ist aufgebaut wie ein Archiv. Über drei Video-Projektionen transportiert sie den realen Ort auf Betonbildfl ächen, die wie aufgestellte Aktendeckel präsentiert sind. Die Titel der Projektionen (Quiberville, Heuqueville, Bihen-Saint Firmin) beziehen sich auf Orte an der Küste der Normandie in Frankreich, an denen die Bunker ruinen stehen. Zu sehen ist die zeitliche Verwandlung der monumentalen Bunker architektur und wie sie in die Landschaft und soziale Struktur eingebunden ist. Über wissenschaftliche und dokumentarische Untersuchungen, die auch Paul Virilios Bunkerarchäologie von 1975 miteinbezieht, geht Moscardini der Faszination und dem Bedürfnis nach, sich Steinmaterialien anzueignen, um daraus ein bewohnbares Modul zu formen. In weiteren aktenähnlichen Behältern sind Gesteinsproben wie Sand, Basalt und Kalkstein aufbewahrt, die Moscardini vor Ort sammelte und hier als Bausubstanzen präsentiert. Somit veranschaulicht sie in ihrem Projekt den transformativen Kreislauf von natürlichen Materialien, die durch die Gesellschaft angeeignet und zu einem Gebrauchsgegenstand verarbeitet, dann wiederum durch Zerstörung oder natürlichen Zerfall, ohne ihren historischen und kulturellen Habitus, in ihren ursprünglichen Zustand überführt werden. Moscardinis Projekt befindet sich in einem noch offenen Prozess, wie auch das Projekt des Atlantik Walls nie abgeschlossen wurde und die Bunkerruinen in einer fortschreitenden natürlichen Transformation in die Landschaft eingebunden sind.

Svenja Frank

Lebenslauf

Margherita Moscardini wurde 1981 in Donoratico geboren, sie absolvierte ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Bologna und schloss dieses mit einer Promotion im Fach Kulturanthropologie ab. 2008 belegte sie einen Kurs für Visuelle Künste , der von der Stiftung Antonio Ratti in Como veranstaltet wurde, und 2009 besuchte sie einen Workshop der Stiftung Spinola Banna in Turin. In den Jahren von 2010 bis 2012 war sie Artist in Residenz in Andrax (Mallorca), in Plovdiv (Bulgarien), in Paris und in Rom. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Donoratico Castagneto Carducci.

Kunstwerke

Margherita Moscardini Work 0

1 × Unbekanntes, 2012

Technik/Details:

Mitteldichte Faserplatten (MDF), Holz, Papier, Drucke, Projektionsflächen aus Zement, Mini-Projektor, Video, Netzgerät, Elektrokabel
Grösse: Maße veränderbar nach den räumlichen Gegebenheiten

Margherita Moscardini Work 1

1 × Unbekanntes, 2012

Technik/Details:

Mitteldichte Faserplatten (MDF), Holz, Papier, Drucke, Projektionsflächen aus Zement, Mini-Projektor, Video, Netzgerät, Elektrokabel
Grösse: Maße veränderbar nach den räumlichen Gegebenheiten

Margherita Moscardini Work 2

Ruinen von Bunkeranlagen des nationalsozialistischen Atlantikwalls

Margherita Moscardini Work 3

Ruinen von Bunkeranlagen des nationalsozialistischen Atlantikwalls

Ausgewählte Einzelausstellungen

2008 „Terza stanza“, Galleria Spazio A, Pistoia

2009 (DETAIL), Villa la Magia, Quarrata

2010 „Una stanza / fuori luogo“, Galleria Spazio A, Pistoia

2011 A project for an ancient bath, Art today Center for Contemporary Art, Plovdiv (Bulgaria)

2011„Studio per un‘erosione“, Fondazione la Quadriennale di Roma

2012 „1 x Unknown“, Museo MACRO, Roma

2013 „Annexe – 1xUnknown“, Ex-Elettrofonica, Roma Istanbul City Hills, Istituto Italiano di Cultura, Istanbul

Ausgewählte Gruppenausstellungen

2007 Mulhouse 007, Parc Expo de la Ville de Mulhouse

2007Pinacoteca Agnelli Prize, Artissima, Lingotto Fiere, Torino

2008 „Bourgeois plaisir“, Galleria Spazio A, MIART, Milano

2008 Ad‘ A, area d’azione, Musei Civici di Imola Corso aperto, Ex-Chiesa S. Francesco, Como

2008 „Tempo / Competizione / Performance“, Nosadella due, Bologna

2008 „Public Improvisations“, Care of c/o Fabbrica del Vapore, Milano

2009 Ausstellung am Ende des von Peter Friedl geleiteten Workshops | Mostra finale del Workshop a cura di Peter Friedl, Fondazione Spinola Banna, Poirino (Torino)

2009 „Innesti“, Fabbrica delle Candele, Forli

2009 „Eppisitis“, Teatro Studio Scandicci, Firenze

2010 „In full bloom“, Galleria Raffaella Cortese, Milano

2010 „Things can change quickly“, Via Malaga 14, Milano

2010 „Lo spazio bianco“, 26cc, Roma Festa Mobile, ArtFirstOff, Bologna

2010 „Coll-Leccio“, Art Foundation Mallorca, CCA, Andrax

2011 Emerging Talents 2011, CCC Strozzina, Palazzo Strozzi, Firenze

2010 Premio Ariane de Rothschild, Palazzo Reale, Milano

2010 Biennale Giovani Monza, Serrone della Villa Reale, Monza

2012 Nuova Gestione, Quadraro, Verschiedene Orte in Rom | Diversi luoghi a Roma

2012 „Officine 2“, Bologna, Cesena, Milano

2012 Premio Tema 04, Tempio di Adriano, Roma

2013 „Past For Ward“, Centro Arti visive di Pietrasanta

2013 „Oltre il giardino“, Palazzo Fabroni, Pistoia