Nicola Samori, Bagnacavallo (Ravenna)

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Nicola Samori

Nicola Samorì, dessen Entwicklung zu einem virtuosen zeitgenössischen Maler klassischer Themen mit dem Schwerpunkt bei der italienischen Kunst der Renaissance wir seit Jahren verfolgt haben, hat in seiner Konzeption von Malerei einen radikalen Schritt getan. Wir haben uns daher entschieden, ihn zu der diesjährigen Biennale der VAF-Stiftung einzuladen. Was ist geschehen? Nicola Samorí hatte über Jahre hin nicht nur Motive der altmeisterlichen Kunst in genauer Nachahmung kopiert, sondern er hat zugleich auch seine aus älteren Darstellungen herkommenden Heiligendarstellungen, und bei diesen vor allem die Themen der christlichen Märtyrer, in ihrem ikonographischen Modus subtil verändert, wobei er unterschiedliche Elemente zusammenfügte. Dabei schuf er zwar Querverbindungen zu anderen Bildern, griff aber in die Haut und die Körper dieser Bilder noch nicht ein. Seine unerbittlichen Störmanöver, sein dann folgender Eingriff in die stoffliche Tiefe des Bildes, dem er wie weiland Apollo dem Marsyas buchstäblich die Haut abzieht oder dem er, wie dies bei dem Heiligen Erasmus der Legende nach Fall war, die Gedärme aus dem Körper reißt, war dann ein radikaler Schritt. Das Bild selbst wird jetzt zum Körper, das oft vorhandene rote Inkarnat deutet auf diese Körperlichkeit hin.

Aus dem Wunderkind von einst wurde jemand, der durch Transformation und Dekonstruktion die historische Substanz für die Gegenwart verfügbar macht. In diesem Sinne bemerkte Samorì dem Kurator gegenüber: „Una sequela di efferatezze si dispiega sul piano pittorico: sollevato con una lama, aperto con le unghie, combusto o affogato nel pigmento. In molti dipinti, infatti, l’interno viene messo in comunicazione con l’esterno attraverso un’effrazione della superficie che, incisa, s’apre e mostra il verso della pelle pittorica. La pittura infatti, come la pelle umana, mentre mostra una faccia ne nasconde un’altra e solo una ferita, un’incursione violenta nel corpo della stessa può confondere verso e recto.” (Eine Reihe von Grausamkeiten breitet sich auf der malerischen Fläche aus: Herausgehoben durch eine Messerklinge, aufgerissen mit den Fingernägeln, verbrannt oder ertränkt im Pigment. In vielen Gemälden kommuniziert das Innere tatsächlich mit dem Äußeren quer durch einen Aufbruch der Oberfläche, die, indem sie eingeritzt wird, sich öffnet und ein Gegenbild zur malerischen Haut zeigt. Indessen zeigt die Malerei, wie auch die menschliche Haut, tatsächlich eine Seite, die eine andere versteckt, die nur eine Verwundung ist, ein gewaltsamer Eingriff in denselben Körper, bei der die Rückseite mit der Vorderseite vermischt werden kann. )


Während der österreichische Maler Arnulf Rainer, mit dem man Samorì verglichen hat, das historische Bild nur als fotografische Reproduktion vereinnahmt und mit dieser, indem er sie oberflächlich bearbeitet, in einen Dialog gerät, greift der italienische Künstler in die Haut, in die materielle Substanz seiner Bilder ein. Seine Werke sind Ausdruck eines sadistischen Begehrens, einer erotischen Aneignung. Darüber hinaus bringt er den Grund des Bildes, seine Tiefe oder Flachheit zum Vorschein. Es handelt sich hier daher nicht um einen Dialog wie bei Rainer, der seine Bilder ja gleichfalls peinigt und attackiert, sondern um ein Eindringen in das Bild, bei dem Samorì aber auch deutlich macht, dass er kein „Bild vollständig auslöscht, sondern nur versucht, seinen Widerstand herauszufordern.“ Der deutsche Kunsthistoriker Daniel J. Schreiber, der 2012 für Nicola Samorí die erste große Museumsausstellung in der Kunsthalle Tübingen eingerichtet hatte, ordnete zurecht den Künstler in die ikonoklastische Tradition der italienischen Kunst nach 1945 ein und stellte fest, dass dieser die „ Instrumentarien der Antikunst (nutzt), um die katastrophische Wucht aus dem Illusionsraum in die reale Welt des Betrachters heraustreten zu lassen.“

Peter Weiermair

Lebenslauf

Nicola Samorì wurde 1977 in Forli geboren. Er absolvierte seine künstlerische Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste in Bologna und er schloss dort 2004 sein Studium mit einem Diplom ab. Er errang einige renommierte Auszeichnungen wie z. B. 2002 den Morandi-Preis für künstlerische Druckgrafik, das heißt für die Kunst der Radierung, und 2006 den Michetti-Kunstpreis. Er lebt und arbeitet in Bagnacavallo bei Ravenna.

Kunstwerke

Nicola Samori Work 0

Die Masse, 2012

Leihgabe: Privatsammlung

Technik/Details:

Ölfarbe auf Holztafel
Grösse: 30 × 21,5 × 7,5 cm

Nicola Samori Work 1

Die Masse, 2012

Leihgabe: Privatsammlung

Technik/Details:

Ölfarbe auf Holztafel
Grösse: 30 × 21,5 × 7,5 cm

Nicola Samori Work 2

Turm, 2012

Technik/Details:

Ölfarbe auf Leinwand
Grösse: 200 × 100 cm

Nicola Samori Work 3

Körper in Verzückungen, 2012

Leihgabe: Privatsammlung

Technik/Details:

Ölfarbe auf Leinwand
Grösse: 200 × 300 cm

Nicola Samori Work 4

Pflugschar, 2013

Das Gemälde beinhaltet eine Anspielung auf ein Bild des niederländischen Malers Aert Pietersz aus dem Jahre 1603, das eine Vorlesung in Anatomie darstellt. Die Köpfe der Anwesenden sind in der Struktur des Bildes im Relief zu erkennen.

Technik/Details:

Zwei Komponenten: Malerei mit Ölfarbe und Kupferfolie auf Leinwand sowie ein Tisch aus Eisen mit bemalter Tischplatte, ausgeführt in Ölfarbe. Diptychon, jedes Teilstück 300 × 200 cm
Grösse: 300 × 400 cm

Nicola Samori Work 5

Tisch

Grösse: Höhe 70,5 cm, Breite 201 cm, Tiefe 70,5 × 73 cm

Ausgewählte Einzelausstellungen

2003 „Dei Miti Memorie“, Tafe Gallery, Perth

2004 „La conquete de l’ubiquité“, Ex Chiesa in Albis, Russi

2004 „Classicism Betrayed“, Erdmann Contemporary Gallery, Cape Town, South Africa

2005 „TAC. Un paesaggio chiamato uomo“, Galleria L’Ariete artecontemporanea, Bologna

2005 New Works, Studio d’Arte Raffaelli, Trento

2005 „Disiecta“, Chiesa del Pio Suffragio, Fosignano

2006 „lapsus“, Forte Strino, Vermiglio

2007 „Novum ac tunc auditum crimen“, Galleria AndreA Arte Contemporanea, Vicenza

2008 „Not so private. With my tongue in my cheek“, Villa delle Rose, Bologna

2008 „Pandemie“, Galleria Allegretti Arte Contemporanea, Torino

2009 „La Mutabilità del Passato è il Dogma Centrale“, Galleria, Napolinobilissima, Napoli

2009 „Lo Spopolatore“, Museo di Riva del Garda, Forte di Nago

2009 „Being“, Magazzini del Sale, Cervia

2009 „Presente“, Antico Convento di San Francesco, Bagnacavallo

2010 „La Dialettica del Mostro“, Marco Rossi artecontemporanea, Milano

2011 Volta 7 Basel, LARMgalleri, Basel

2011 „Imaginifragus“, Galerie Christian Ehrentraut, Berlin

2012 „VOLTANY“, LARMgalleri, New York „The Venerable Abject“, Ana Cristea Gallery, New York

2012 „Fegefeuer der Meisterwerke“, Kunsthalle Tübingen

2013 „The disappearing Act“, LARMgalleri, Kopenhagen

2013 „Die Verwindung“, Galleria Emilio Mazzoli, Modena

2013 „Vom Abtun der Bilder“, Hospitalhof, Stuttgart

2013 „Guarigione dell‘Ossesso“, Galerie Christian Ehrentraut, Berlin

Ausgewählte Gruppenausstellungen

2002 Premio di Incisione Giorgio Morandi, Museo Morandi, Bologna

2005 „Seven .... everything goes to hell“, Palazzo Pretorio, Certaldo

2006 Premio Michetti 2006, Laboratorio Italia, Palazzo San Domenico, Francavilla al Mare

2007 “Allarmi 3 nuovo contingente“, Caserma de Cristoforis, Como

2007 Arte Italiana 1968 – 2007, Pittura, Palazzo Reale, Milano

2007 „Sine die“, Museo d’Arte Contemporanea di Gibellina

2008 Premio Cairo, Palazzo della Permanente, Milano

2009 Maggis / Rielly / Samorì – Face off, Marco Rossi artecontemporanea, Milano

2009 „Guardare con lo sguardo della mente“, Galleria d’Arte Contemporanea „Vero Stoppioni“, Santa Sofia

2010 „Blickkontakte“ – Niederländische Porträts des 17. Jahrhunderts im Dialog mit Kunst der Gegenwart aus der Sammlung SOR Rusche, Anhaltinische Gemäldegalerie, Dessau

2010 Goya, Battaglia, Samorì – Attraverso le tenebre, Raccolta Lercaro, Bologna

2010 Christian Aschenbach – Andreas Blank – Nicola Samorì, Galerie Christian Ehrentraut, Berlin

2011 „Alla luce della croce“, Raccolta Lercaro, Bologna

2011 „Baroque“, LARMgaleri, Kopenhagen

2011 54. Esposizione Internazionale d’Arte della Biennale di Venezia, Padiglione Italia, Arsenale, Venezia

2011 „Memory“, Rosenfeld Porcini Gallery, London

2011 „La bellezza nella parola“, Palazzo Reale, Milano

2011 „Lascia un segno“, Pinacoteca Nazionale, Bologna

2012 „Point of Entry“, Ana Cristea Gallery, New York

2012 „Alles Wasser“, SOR Rusche Sammlung Olde / Berlin, Galerie Mikael Andersen, Berlin

2012 The Dorian Project, Second Guest Projects, New York

2012 „The continuation of romance“, Rosenfeld Porcini Gallery, London

2012 „Fliegen | Flying“, Künstlerhaus Bethanien | Casa degli Artisti Bethanien, Berlin

2013 „Schöne Landschaft / Bedrohte Natur“, Kunsthalle Dominikanerkirche, Osnabrück

2013 „Still“, Galerie der Raiffeisen-Landesbank, Kunstbrücke, Innsbruck

2013 XXH – Man in the contemporary art Collection of the Foundation Francès, Museum Dr. Guislain, Gent