Rä di Martino, Torino

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Rae Di Martino

Seit es den Film gibt, hat sich unsere Wahrnehmung der Welt grundlegend verändert. Zunächst nur als Mittel der Dokumentation eingesetzt, wurde recht bald der Film als Spielfilm, als Fiktion eingesetzt, die jedoch kaum noch von der Realität unterschieden werden konnte. Man entdeckte unter anderem auch die Möglichkeit, die Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen oder die Zukunft vorausschauend zu erfinden. Die Filmindustrie wurde nach und nach zu einem der größten und reichsten Industriezweige der Welt: eine Traumfabrik, die große Teile der so genan- nten zivilisierten Welt beeinflusste.

Die Künstlerin Rä Di Martino hat in der marokkinischen Wüste Orte aufgesucht, wo amerikanische oder europäische Filmproduk- tionen entstanden sind. Hier stehen noch seltsame Ruinen, die als Kulisse für verschie- dene Filme gedient haben: Historienfilme, Science-Fiction-Produktionen oder auch moderne Road-Movies. Nach Drehschluss wurden diese provisorischen Bauten einfach stehen gelassen, so dass entweder andere Filmteams sie übernehmen konnten, wenn sie nicht durch Wind und Wetter nach und nach demontiert wurden und schließlich verschwanden. In ihrem Video mit dem Titel „Copies récentes de paysages anciens“ zeigt sie uns eindrucksvolle marokkinische Landschaftsaufnahmen, die uns einerseits die Schönheit dieser von der westlichen Zivilisation ansonsten vernachlässigten Gegend vorführen, anderseits auch diese darin verstreuten, seltsamen und unwirklichen Ruinen, diese Überbleibsel einer illustren und aufwendigen Unterhaltungskultur, die mit den dort lebenden Menschen vordergründig nichts zu tun hat. Und dennoch, auch hierin werden wir getäuscht, denn die einheimischen Kinder und Jugendlichen haben nicht nur diese Filmruinen in Besitz genommen, sie kennen auch die Namen aller Filme, die dort gedreht wurden und sie antworten präzise auf Fragen nach deren Inhalten.

In einem zweiten Video, dem Rä di Martino den Titel „The picture of ourselves“ gegeben hat und das zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Katalogs noch nicht vollendet war, führt uns die Künstlerin gedanklich in die Irre: wir sehen im Wechsel Bilder eines jungen Mädchens, das uns kopfunter ansieht, und Bilder eines kräftigen Mannes. Schon assoziieren wir, dass es zwischen dem Mann und dem Mädchen zu einer unerlaubten Beziehung gekommen ist. Aber das Video verrät davon nichts. Ganz im Gegenteil: das Mädchen lächelt entspannt und zeigt absolut keine Angst oder Erschrecken. So müssen wir erkennen, dass es unsere voreingenommene Phantasie war, die ganz bestimmte Gedanken in uns hervorgerufen haben.

Norbert Nobis

Lebenslauf

Rä di Martino wurde 1975 in Rom geboren. 1997 verlegte sie ihren Wohnsitz nach London, wo sie von 1999 bis 2002 am Chelsea College of Art das Fach Medienkunst stu­dierte. Diese Ausbildung schloß sie mit einer Bachelorarbeit ab. Von 2002 bis 2004 setzte sie ihr Studi­um an der Slade School of Arts in London fort und beendete diese Ausbildung mit dem Erwerb eines Mastertitels. 2005 ging sie nach New York und gegenwärtig lebt und arbeitet sie in Turin.

Kunstwerke

Rae Di Martino Work 0

Das Bild von uns selbst, 2013

Technik/Details:

Standbilder aus einem Videofilm Dauer 2:30 min

Rae Di Martino Work 1

Gegenwärtige Kopien von antiken Landschaften, 2012

Technik/Details:

Standbilder aus einem Videofilm. Dauer 6:30 min

Rae Di Martino Work 2

Gegenwärtige Kopien von antiken Landschaften, 2012

Technik/Details:

Standbilder aus einem Videofilm. Dauer 6:30 min

Ausgewählte Einzelausstellungen

2003 Rä di Martino, Monitor Gallery, Roma

2005 „The dancing Kid“, Monitor Gallery, Roma

2006 „La camera“, MACRO, Roma

2007 „The red shoes – Present Future“, Artissima, Torino

2008 „The Night Walker“, Maze Gallery, Torino

2009 Rä di Martino, Espace Doll – Les Urbaines Festival, Lausanne

2009 „August 2008“, Monitor Gallery, Roma

2009 The Night Walker and other works, CAV Coimbra

2010 Rä di Martino, Artissima, Torino

2010 Artscape, Vilnius Cultural Capital of Europe, Vartaj Gallery, Vilnius

2011 Rä di Martino, Monitor Gallery, Roma

2012 GREATER TORINO, Rä di Martino, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Torino

2013 Rä di Martino – Nedim Kuft, (Dis. Orient), Sumarria Lunn Gallery, London

Ausgewählte Gruppenausstellungen

2002 Beck’s Futures Student Film Award, ICA, Lon- don

2004 „Our personal vision“, Futura Gallery, Prag

2004 „VideoZone 2“, International Videoart Biennale, Tel Aviv

2004 „All Tomorrow’s Déja Vu“, Video Mundi Festival, Chicago

2004 „Surely we will bei confused“, Fondazione Ratti, Como

2004 „All tomorrow’s parties“, The Yugoslav Biennal of Young Artists, Vrsac

2005 „Tracce di un seminario“, Via Farini, Milano

2005 „Follow your Shadow“, Premio Furla, Galleria d’Arte Moderna (GAM), Bologna

2005 Triennale Torino tre Muset, Fondazione Sandretto Re Reabaudengo, Torino

2006 „The Mind / Body Problem“, Artists Space, New York

2006 FRAME, Gertrude Contemporary Art Spaces, Melbourne

2006 „Setting the Scene“ Commission an Exhibition, MACRO & Discoteca di Stato, Roma

2006 Busan Biennale, CAFE 2, Busan (South Korea)

2007 „The World is Yours“, Oliver Kamm 5 BE Gallery, New York

2007 „Dwelling among the elsewhere“, Botkyrka Kohnstabile, Stockholm

2007 Film Programm in the Slovenian Pavillon, Tobias Putrih’s Venetian Atmospheric, 52. Esposizione Internazionale d’Arte Biennale di Venezia

2007 Art Summer University, Tate Modern London

2008 Here, Seaport Swing Space LMCC, New York

2008 „Hot Season – Italian Art Now“, Stenersen Museum, Oslo

2008 Esposizione d’Arte Quadriennale di Roma, Palazzo delle Esposizioni, Roma

2008 „Tarantula“, Piazza Duomo, Fondazione Trussardi, Milano

2008 „How soon is now?“, AIM Programm, Bronx Museum, New York

2008 Worlds on Video, Palazzo Strozzi, Firenze Italics, Palazzo Grassi, Venezia

2008 „Manifesta 7“, Rovereto

2009 „Back and Forth“, James Taylor Gallery, London Financial District, ISCP Studios, Brooklyn, New York

2009 „Impact“, Video Art Festival, Utrecht

2009 „Solo al buio“, Mercati di Traiano, Roma

2009 KunstFilmBiennale, Köln und Bonn

2009 „Eppur si muove“, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Torino

2009 Lumen, Centro Pecci, Prato

2009 Work in space, Connaught House, Ballsbridge, Dublin

2009 Fuori Centro, Hangar Bicocca, Milano

2009 Italica, MCA, Chicago

2010 Fundafda Artists fim Festival, Halifax Festival Premio Amidei, Gorizia

2010 Clueless, Manifattura Tabacchi, Torino

2010 „Person in less“, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Alba Guarene, Palazzo Ducale, Genova

2010 „Linguaggi e Sperimentazione“, Museo di Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto (MART), Rovereto

2010 „Rambo in love“, Roxy Theater, Basel

2010 VideoReport, Galleria Comunale d’Arte Contemporanea, Monfalcone

2010 „VideoZone 5“, International VideoArt Bien- nale, Tel Aviv

2010 ART FILM, ART Basel 41

2011 „Un‘ita“, New York

2011 „Terre vulnerabili“, Hangar Bicocca, Milano

2011 „When in room“, IIC / Laxart, Los Angeles

2012 „Silence where things abando themselves“, Museum of Contemporary Art, Zagreb

2012 „Re-Generation“, MACRO, Roma

2012 „Mission afterviews“, Victoria Theatre, San Francisco

2012 „Lo sguardo espanso“, Cinema d’Artista 1912 – 2012, Fondazione Guglielmo, Catanzaro

2012 II. Mardin Biennale, Mardin (Türkiye)

2013 Kino der Kunst, München

2013 „Remainder“, BWA Soköl. Gallery of Contemporary Art, Nowy (Poland)

2013 „Andata e Ritorno – Souvenir de voyage“, Museo di Arte Moderna e Contemporanea di Ten- to e Rovereto (MART), Rovereto

2013 „Ruins in reverse“, Tate Modern, London,

2013 MALI, Museum of Contemporary Art, Lima