Andrea Buglisi, Palermo

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Andrea Buglisi

Eschatologie der Dinge

Die Welt der letzten Jahrzehnte wird zunehmend beherrscht von einer global agierenden Verpackungsindustrie. Diese Verpackungen dienen nicht nur dem Transport, sondern zunehmend auch zum Verstecken der Geheimnisse ihrer Inhalte. Die berühmte „black box“ der Soziologen entschlüsselt für den Käufer nicht die Inhalte. Sie kaschiert diese. Der Käufer erfährt den genauen Inhalt erst, wenn er die Verpackung öffnet. Die Abbildung auf der Verpackung ist nicht identisch mit dem Inhalt. Wirtschaftswissenschaftler sprechen daher gerne von einem Erfahrungsgut, das man ausprobiert haben muss, um den Charakter des Inhalts zu erfahren.

Andrea Buglisi spielt in seinen realistischen, fast veristischen Bildern aus der Serie Escatology mit diesen Geheimnissen und mit deren letzten individuellen oder universalen Bedeutungen. Die Verpackung und die darin enthaltenen Gegenstände bezieht der Künstler auf ein Kind, das die Welt erfahren will und muss, um die letzten Geheimnisse des Lebens zu erlernen. Der theologische Begriff wird in den Alltag projiziert. Die Bilder wirken zunächst heiter, Mit der Zeit steigern sie sich jedoch in einen sehr ernsthaften makabren Zusammenhang der Welterklärung. Die Welt der Erwachsenen, diese perfekt gestylten Produkte aus den Ateliers der Designer, lesen sich wie eine Gebrauchsanweisung zur Erziehung eines Kindes. Denn diese Welt muss gelernt werden. Sie ist antikonventionell, sie besteht aus Symbolen und Fetischen, die, an eine Person gebunden, in die Bereiche der Träume, Ängste, Phobien, Erwartungen, Enttäuschungen usw. führt. Die Serie zeigt diese eschatologischen Spannungen zwischen Leben und Tod auf. Das „packing Paket“ von Buglisi zeigt Tiere, Käfige, Gewehrpatronen zum Töten, den hochbürgerlichen Salon, das Ohr zum Hören und Weghören, die zu öffnende Türe, einen Totenkopf mit Geweih, eine Schnecke, eine Fabrik, eine zarte Pflanze, das sehende Auge, Totenköpfe, Ameisen und Blendungen auf. Jede dieser Darstellungen ist als Metapher für Situationen im Leben zu verstehen sowie für Anforderungen an das Gefühl und an den Verstand. Die Verpackungen sind pädagogische „survival kits“.

Jede dieser Darstellungen erzählt eine oder mehrere Geschichten. Sie fordern den Knaben ebenso heraus wie den älteren Betrachter mit seinen Erinnerungen. Während das Kind auf einer Grundrisszeichnung der Kartonagen verankert ist und so als Gegenüber der Inhalte in der Verpackungen einen quasi festen Grund und Boden unter die Füße bekommt, wir der Kunstfan in eine narrative Situation hineinmanövriert, aus der er nur schwer wieder herausfindet. Die Körpersprache des Knaben ist auffordernd, sie deutet eine mögliche Bilderklärung an, sie offenbart aber niemals wirklich die Auflösung dieser Bilderrätsel. Die Kleidung des Jungen spielt eine ähnliche Rolle, sie wechselt zwischen korrekt bis halbnackt, von passiv zu aktiv, von wissend bis fragend, von klassisch modisch im Habitus bis zu einer direkten Anspielung auf den David von Michelangelo.

Buglisi durchdringt mit seiner einfachen Bildsprache eine Welt der Erfahrungen, Aufbrüche, Gefahren und Fragen. Der Künstler verschreckt nicht – wie dies z. B. bei den Illustrationen in dem populären deutschen Kinderbuch Struwelpeter der Fall ist – mit wilden und drastischen Darstellungen, vielmehr führt er ausgehend von einer aufklärerischen Haltung einen intellektuellen Dialog, der im Sinne der Begriffserklärung des Terminus „Eschatologie“ zwar von den „letzten Dingen, d.h. vom Endschicksal des einzelnen Menschen und der Welt“ handelt, nur eben in einer bildsprachlichen Übertragung auf die Dinge des Lebens in unserem Alltag.

Dieter Ronte

Lebenslauf

Andrea Buglisi wurde am 10. Mai 1974 in Palermo geboren, wo er nach wie vor lebt und arbeitet. Er studierte Malerei an der Akademie der Schönen Künste in Palermo und beendete dieses Studium 1998 mit einem Diplom. Er ist Inhaber eines Lehrstuhls für Malerei an einem Kunstgymnasium in Palermo.