Andrea Martinelli, Prato

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Lebenslauf

Geboren in Prato 1965, lebt und arbeitet in Prato. Martinelli ist ein Maler, der eine außergewöhnliche Fähigkeit der veristischen und positivistischen Darstellung seiner Sujets-meist sind es Personen- besitzt. Dabei ist er aber kein Fotorealist, denn eine Fotografie könnte niemals jene ungemein präzise Schärfe der Zeichnung und jene exakte Herausarbeitung aller Details liefern, wie er dies mit seiner speziellen malerischen Technik bewältigt. Martinelli ist vielmehr ein unbestechlicher visueller Analytiker, ein unerbittlich genauer Protokollant des Wirklichen, ein perfektionistischer Beobachter von empirischen Tatsachen, die dem flüchtigen Blick ansonsten verborgen bleiben, ja man könnte sagen, dass der malerische Darstellungsprozess bei ihm einem wissenschaftlichen Sezieren gleicht, mit dem er versucht, der objektiven Wahrheit visueller Phänomene mit dem Ethos der Genauigkeit auf die Spur zu kommen und damit zu deren innerem Wesenskern vorzudringen. Dabei registriert er seine Sujets aber nicht nur sachlich und gefühlsneutral, vielmehr- und dies unterscheidet ihn gleichfalls vom Fotorealismus amerikanischer Prägung - will er emotional packende Ausdruckswerte mulieren. Im Bezug auf den Menschen heißt dies, dass Martinelli sich der Psyche und dem Charakter einer Person durch eine Art malerischer Vivisektion annähert und dass die extreme Deutlichkeit der Vergegenwärtigung des Realen in seinen Werken ohne weiteres mit einer psychoanalytischen Diagnostik verglichen werden darf, denn indem er das äußere Erscheinungsbild- vor allem die Poren, Falten und Runzeln der Epidermis - seiner Modelle akribisch observiert, gewinnt er auch Erkenntnisse über das seelische Innere eines Menschen. Gesteigert wird dieser entlarvende Präzisionismus noch dadurch, dass er in seinen großformatigen Porträts, die in seinem Schaffen einen großen Raum einnehmen, eine Nahsicht bevorzugt, welche jegliche Distanz unmöglich macht und durch welche die Physiognomien der Porträtierten in einer den Bildraum total ausfüllenden, optisch fast unerträglich indiskreten Präsenz nach vom gerückt sind, so dass sie dem Betrachter unausweichlich dicht vor den Augen stehen. "Der Künstler soll Charaktere auf der Haut sichtbar machen", diesem Diktum von Friedrich Nietzsche scheint Martinelli nachzufolgen.