Dacia Manto, Bologna / Mailand

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Dacia Manto

Dacia Manto ist eine Zeichnerin und eine Installationskünstlerin, deren gestalterischer Aktionsradius sich bevorzugt in räumliche Dimensionen erstreckt, wobei sie sich oft auch selbst als Performerin in fantastischer Kostümierung wie ein blonder Engel oder wie eine märchenhafte Zauberfee mit einbringt. Was als erstes bei einem Überblick über ihre Arbeiten auffällt, ist ihr Interesse für die unterschiedlichsten Materialien sowie für komplexe Strukturen, Texturen, Verflechtungen, Verknotungen und Vernetzungen, die sie mit auffälliger Häufigkeit auf den Böden der Ausstellungsstätten platziert, so wie wuchernd sich ausbreitende Gespinste und Dickichte oder wie unaufhaltsam sich fortzeugende und vermehrende Kolonien von Flechten, wie unentwirrbar verzweigtes Wurzelwerk oder wie unterirdisch sich fortspinnende Myzele exotischer Pilzsorten. Schon diese künstlerische Entscheidung, die Werkkomplexe horizontal auf der Fläche des Bodens zur Entfaltung kommen zu lassen, weist darauf hin, dass die Künstlerin den Kontakt zur Erde als dem Ursprung des Lebens in der Natur sucht, denn hier gewinnt sie die Erkenntnisse für ihre eigene artifizielle Morphologie, in der immer wieder Prinzipien hervortreten, die deutlich als Analogien zu naturhaft elementaren organischen Wachstumsprozessen zu deuten sind, d.h. man wird unwillkürlich erinnert an wild auskeimende, sich irregulär verflechtende florale Triebe, an Schlingpflanzen, an herunter hängende Lianen, an Ranken und an Geäste sowie an die zufallsbedingte Expansion von Moosen, Farnen und niederem Strauchwerk. Aber auch geologische Formationen scheinen sie zu inspirieren, denn in manchen ihrer Arbeiten experimentiert sie auch mit gestalterischen Lösungen, in denen Verwerfungen und Überlagerungen ebenso grundlegend sind wie Schichtungen, Verschiebungen und Anhäufungen, oder aber sie arbeitet in Materialien wie Styropor bzw. Schaumstoff reliefartige Strukturen ein, die wie Ausschürfungen, wie Aufbrüche erscheinen oder wie Ergebnisse von Verkarstungs- und Erosionsvorgängen.

Dass hinter diesem Werkkonzept eine geradezu biologistische Intention, ein individuell formulierter Naturmythos steckt, das scheint evident zu sein, wobei sie keinesfalls eine naturalistische Darstellung von realen, äußerlich sichtbaren Phänomenen der Botanik oder von sonstigen, aufgrund der üblichen Erfahrung bekannten und nachvollziehbaren empirischen Gegebenheiten anstrebt (obwohl es durchaus auch solche Motive gibt), vielmehr geht es ihr vorrangig um die Imagination einer phantastischen, geheimnisvollen und unbekannten Dimension der Schöpfung, der Natur und des Lebens, um die kreative Vergegenwärtigung einer individuellen Interpretation der Prinzipien des Seins, des Werdens und Vergehens.

Unmittelbar manifestiert sich diese Idee in den Zeichnungen der Künstlerin, die sie meist in sensibler Manier mit Grafitstift auf Papier ausführt, denn in diesen Blättern entwirft sie Visionen einer faszinierend fremdartigen, völlig frei und wild wuchernden Vegetation, in die noch nicht die Hand bzw. die Schere eines Gärtners säubernd und ordnend eingegriffen hat. Sie zeigt die Natur als einen beseelten Organismus sowie auch als eine Biosphäre in der ursprünglichen Form des unregulierten Wildwuchses und der egoistischen Durchsetzung der je eigenen vitalistischen Wachstums- und Entwicklungschancen in Konflikt mit anderen pflanzlichen Lebensformen, die nicht weniger ihren Platz zu erobern suchen. Dieser Verdrängungsvorgang führt dann zur Ausbildung von Dickichten und von unentwirrbar in chaotischer Vernetzung ineinander verschlungenen Gewächsen in undurchdringlichen Dschungeln führt. Dacia Manto zeichnet Ansichten einer Expansion des organischen Lebens in einem frühen Stadium, in dem die Pflanzen urwüchsig und ungehemmt die Erde eroberten, d.h. sie geht von Mikroorganismen und von einfachen Lebensformen – wie Mikroben, Mollusken, Algen, Tang, etc. – aus, um zuletzt zu Bildern zu kommen, die verwunschene, pittoresk zugewachsene Gärten zeigen, die sie zum Teil auch in ihrer Umwelt entdeckt, wie die Drahtgitterzäune in einigen Blättern vermuten lassen, denn diese Realitätsfragmente sind Hinweise darauf, dass diese Sujets aus einer konkreten Wahrnehmung resultieren. In manchen Zeichnungen wie auch in einer spezifischen Kategorie ihrer Installationen ist eine Neigung der Künstlerin zu den Geheimlehren der Alchemie wie auch zu den esoterischen Praktiken einer vorrationalen Wissenschaft, die auf der Spur des Lebens ist, zu bemerken, was insbesondere in weiträumigen Anlagen zum Ausdruck kommt, in denen sie Laborsituationen simuliert und dazu auf Tischen wie auf den Böden Gefäße, Kolben und bauchige Flaschen aus Glas arrangiert, die in ihrem Inneren wiederum gläserne Behältnisse unterschiedlicher Formung beinhalten und die mit Flüssigkeiten gefüllt sind, in denen offenbar Kulturen heranwachsen, die auf ein artifizielles, in Nährlösungen aufkeimendes pflanzliches Leben hindeuten. Diese Laborgläser hat sie zudem in einer weit verzweigten und verwirrenden Anordnung mit Schläuchen aus durchsichtigem Kunststoff verbunden, wobei sie den Eindruck provoziert, dass hier in Analogie zu pflanzlichen Versorgungsleitungen oder aber zu den Blutgefäßen ein künstlich erzeugter Kreislauf von Säften in Gang ist.

Klaus Wolbert

Lebenslauf

Dacia Manto wurde in Mailand am 11. November 1973 geboren, sie lebt und arbeitet in Bologna und in Mailand. 2005 gewann sie den Kunstpreis für junge Künstler der Akademie der Schönen Künste von Bologna und Rom in Ripatransone, Ascoli Piceno, 2008 den Kunstpreis der Fluggesellschaft Alitalia für junge Kunst und ebenfalls 2008 zählte sie zu den Finalisten des Kunstpreises Cairo in Mailand.