Elisabeth Hölzl, Meran

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Elisabeth Hoelzl

Elisabeth Hölzl ist in den 90er Jahren mit sensiblen, oft ephemeren Installationen an die Öffentlichkeit getreten, bei denen das Mit- und Ineinander unterschiedlicher Materialien im Raum eine wichtige Rolle gespielt hat. Heute arbeitet sie immer noch mit Räumen, nur dass sie diese fotographisch festhält. Dabei geht es gleichfalls um deren materielle Beschaffenheit und um die Veränderungen, denen sie im Laufe der Zeit unterworfen waren (und sind), also um das, was man als ihre Atmosphäre bezeichnen könnte oder aber – was ganz wesentlich ist – um ihre Sättigung mit menschlicher Erfahrung. Entstanden ist in den letzten Jahren eine Reihe umfangreicher Fotoserien: Ende der 90er Jahre eine zu einem Roma- Lager in Bozen, dessen Bewohner Elisabeth Hölzl über einen längeren Zeitraum begleitet und dargestellt hat.

Hölzls umfangreiche Fotoserie aus den Jahren 2006-2007 über den Abbruch des Bristol Hotels in Meran, das zum Zeitpunkt seiner Erbauung in den 50er Jahren zu den fortschrittlichsten Hotels europaweit gehörte, ist repräsentativ für ihre Arbeitsweise. Das, was zunächst als kühle Fotodokumentation der Architektur des ausgeräumten, mit allen Spuren des Gebrauchs versehenen und auf seinen Abbruch wartenden Baus erscheinen mag, schlägt immer wieder in kraftvolle, manchmal als schön in einem starken Sinne zu bezeichnende Bilder des Verfalls um, die von der Vergänglichkeit allen Glanzes zeugen. Die von Hölzl geschaffenen Bildstrecken, denen es bei aller Zweidimensionalität des Bildträgers immer um Räume und um Räumliches geht, können – je nach dem – auch durch Texte (Interviews) ergänzt bzw. erweitert werden, die der visuellen Komponente das Element der persönlichen Erinnerung hinzufügen; diese macht das fotografisch Dargestellte als vergangenen Lebensbereich sichtbar, so etwa im Fall der aus den Jahren 2008-2009 stammenden Fotodokumentation über das Italsider-Werk in Cornigliano bei Genua.

Derzeit arbeitet die Künstlerin an einem Fotoprojekt in Neapel, und zwar in einem aufgelassenen Psychiatrischen Hospital aus dem 19. Jahrhundert, dem Klinikum „Leonardo Bianchi“. Die Künstlerin zeigt uns endlose Gänge mit Bögen, Farbe und Putz rieseln und bedecken den Boden; bei Fenstern und anderen Öffnungen dringt das Grün des Gartens in den Bau ein. In den Innenhöfen wuchern Büsche und Pflanzen in einem derartigen Ausmaß, dass sich die Fotografin regelrecht mit einer Sichel den Weg bahnen musste. Hin und wieder zeigen die Fotos Betten, Stühle oder einen Behandlungstisch, der einen erschauernd an Behandlungen mit Elektroschocks denken lässt, die der Vergangenheit anzugehören schienen. Hölzl zeigt gleichsam zwei Deklinationen desselben Themas: Einmal den Sommer mit dem entsprechend warmen Licht und dem drängenden Grün, dann die Variante mit dem kälteren Licht des Winters, der in Neapel immer noch Zitronen hervorbringt. Das Ganze ist eine Elegie auf Vergangenes, die einer rauen Schönheit verpflichtet ist, aber ohne den Schrecken zu leugnen, der unzweifelhaft in diesen Mauern gewohnt hat (und heute wo anders zu Hause ist).

Andreas Hapkemeyer

Lebenslauf

Elisabeth Hölzl wurde am 22. Oktober 1962 in Meran geboren, wo sie das klassische Abitur ablegte. Sie studierte an der Akademie der Schönen Künste in Bologna und schloss diese künstlerische Ausbildung mit einem Diplom im Fach Bildhauerei ab. 2003 ging sie nach der Bewilligung eines Arbeitsstipendiums nach New York und 2004 nach Havanna, wo sie ebenfalls als Stipendiatin einen längeren Studienaufenthalt verbrachte. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Meran.