Gabriele Arruzzo, Pesaro

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Gabriele Arruzzo

Gabriele Arruzzo ist ein Maler, dessen Gemälde sich durch einen sehr eigenwilligen und formal signifikanten Modus der figurativen Darstellung sowie durch eine szenographische Regieführung auszeichnen, in welcher der Künstler die Mitwirkenden und die sonstigen bildnerischen Elemente in seinen irrealen Bildgeschichten meist in Situationen auftreten lässt, die teils mysteriös, teils makaber, teils absurd, teils kurios, teils okkult und teils paranoid sein können - oder dies alles zusammen, vermengt in einer fröhlich-verrückten Mixtur. Dabei fällt schon beim ersten Blick eine Besonderheit ins Auge, die darin besteht, dass der junge Künstler bei vielen seiner Entwürfe bewusst auf einen Bildtypus und auf stilistische Vorlagen zurückgreift, die einst im 19. Jahrhundert – vor der Erfindung des fototechnisch herstellbaren reprographischen Bilderdrucks, d.h. vor der Einführung der geätzten Autotypie – in Form von kolorierten Holzstichillustrationen populär waren. Druckstöcke, die in dieser Technik, bei der das Motiv mit einem Stichel in Hartholz eingraviert wurde, ausgeführt waren, benötigte man damals für nahezu alle in Massenauflagen verlegten illustrierten Druckerzeugnisse, d. h. für bebilderte Magazine und Journale ebenso wie für die sogenannten volkstümlichen Bilderbogen und für werbegraphische Entwürfe. Vor allem wurden sie auch eingesetzt für Visualisierungen von Handlungen in Romanen, für bildnerische Dokumentationen innerhalb von Geschichts-, Abenteuer- und Realienbüchern für Jugendliche sowie für illustrative Ausstattungen von Märchenbüchern. Dabei waren die Schöpfer dieser Holzstiche handwerkliche Spezialisten, die sowohl ein künstlerisches Können mitbringen mussten, als auch ein ausgereiftes technisches Geschick, das es ihnen ermöglichte, ihre dinglichen oder figurativen Motive mit rein linearen Mitteln sowie mit einer perfekt gehandhabten Methode der zeichnerischen Vereinfachung anschaulich und überzeugend zu vergegenwärtigen, wobei der zeitliche kunstgeschichtliche Kontext, d.h. die Historien- und Genremalerei der Romantik wie des Realismus, sich in der Stilistik dieser Illustrationen als ein prägender Faktor zeigt. Die Bildstruktur war graphisch, ausgeführt mit kräftigen Konturen und Schraffuren, und wurde in Schwarz im Tiefdruckverfahren auf Papierbögen abgezogen, die farbigen Partien wurden erst danach – oft von Hand und an flächenfüllende Ausmalungen erinnernd – so eingetragen oder eingedruckt, dass sie formal eingegrenzte Felder in der Darstellung koloristisch ausfüllten, definierten und akzentuierten. Diese für den Massendruck in hohen Auflagen produzierten Illustrationen können aufgrund der Tatsache, dass sie originär als visuelle Erzählungen fungierten, durchaus als Frühformen des Bildjournalismus wie der Comics bezeichnet werden, was sich auch darin zeigt, dass ihr Darstellungsmodus eine starke Tendenz zur Formalisierung, Typisierung und Schematisierung aufweist. Teilweise übernimmt Arruzzo aber auch tatsächlich Sujets aus amerikanischen Comics so wie er auch Holzschnitte von Meistern der Renaissance oder Schwarz-Weiß-Zeichnungen im markanten Stil der Werbegraphik des frühen 20. Jahrhunderts verarbeitet. Auf welche Quelle er sich auch besinnt, immer sind es populäre Bilddrucke, deren konturen-und detailsichere Zeichnung, deren grafische Prägnanz und deren auf ein unmittelbares visuelles Verstehen angelegte Ausführung ihn anregen.

Dieses historische Repertoire an Bildvorlagen ist für Arruzzo sowohl eine Inspirationsquelle als auch ein Vorrat, aus dem er sich bedient, um aus dem vorgegebenen Material die Elemente für seine eigenen phantastischen Bilderfindungen und komplexen Kompositionen zu gewinnen, d.h. er verwendet einzelne Figuren oder auch komplette Partien aus Holzstichillustrationen oder aus anderen graphischen Druckerzeugnissen und interpretiert diese derart in seinem Sinne um, dass er ganze Szenen oder aber einzelne Akteure aus ihrem ursprünglichen – oft romantisch-idyllischen oder auch nur unterhaltsamen – erzählerischen Kontext separiert, um sie in einen völlig anderen, von ihm erfundenen Zusammenhang zu transformieren, wo diese zuvor eher harmlos auftretenden Kunstfiguren dann unversehens zu verdächtig aussehenden Mitwirkenden in einem absurden und bizarren Theater werden. Dabei geht er so vor, dass er einerseits einzelne Figuren und Gegenstände aus den Vorlagen herausnimmt, um sie dann – quasi als fertig konfektioniertes Personal oder als präfabrizierte Versatzstücke – zwar ohne Veränderungen im Erscheinungsbild, aber dafür in völlig verwandelter Rolle, in seinen eigenen malerischen Szenarien unterzubringen, während er andererseits vorgefertigte Figurentypen auch modifiziert, indem er ihnen im Habitus oder in bestimmten Details – z. B. durch Hinzufügung von Accessoires und Attributen sowie durch sonstige umgestaltende Eingriffe – eine völlig neue, zum Teil absonderliche Charakteristik verleiht. In Kombination mit einer dritten Variante innerhalb seines bildnerischen Vorgehens, mit der er zusätzlich auch selbst entworfene – aber im Stil angeglichene – Figuren und Requisiten einbringt, gelingen ihm Inszenierungen, in denen er rätselhafte Vorgänge ebenso eindringlich suggeriert, wie auch unerklärliche Vorkommnisse, geheimnisvolle Ereignisse und irritierende Geschehnisse. In diesem Sinne ist er ein einfallsreicher Schöpfer von vieldeutigen und irreal-phantasievollen visuellen Erzählformen, in denen er den Eindruck des Ominösen ebenso gekonnt als Ausdrucksmoment einsetzt, wie auch Elemente des Kuriosen, des Satirischen und des Ironischen. Dazu versetzt er die Personen in seinen Bildern oft in äußerst befremdliche Situationen und er konfrontiert sie mit Begegnungen, die einerseits beklemmend und bedrängend sein können, andererseits aber auch einen poetischen, märchenhaften und anekdotischen Ton beibehalten. Dazu verstrickt er die Akteure in seinen Szenarien derart in irreale und auch mysteriöse Begebenheiten, dass der Eindruck des Abstrusen, des Paranoiden, des Alogischen und Beängstigenden ebenso intensiv geweckt wird, wie auch die Erinnerung an Mythen, an Sagen, an Märchen, an Horror- und Spukgeschichten, an Psycho-Thriller und nicht zuletzt auch an moderne Fantasy-Abenteuer. Auch wenn nun einige der genannten Faktoren nahe legen könnten, dass Arruzzo im weitesten Sinne ein Anhänger von surrealistischen Auffassungen ist, so entspricht dies dennoch nicht der tatsächlichen Position, von der aus er künstlerisch agiert, denn seine stark von literarischen Überlegungen beeinflussten Szenarien sowie auch seine ausgeprägte Neigung, komplizierte und verrätselte ikonographische Handlungsmuster zu entwerfen, entspringen einem hellwachen intellektuellen Kalkül. Außerdem sind ganz allgemein seine ausgeprägt narrativen, symbolistischen, gedanklichen und auch kritisch satirischen Intentionen nicht vereinbar mit den intuitiven Mobilisierungen von Traumgesichten oder von Motiven aus dem Unterbewussten, wie dies kennzeichnend für den Surrealismus ist. Wenn es ein Kunstwerk gibt, das zum Vergleich für sein künstlerisches Credo herbeizitiert werden darf, dann ist dies ohne Zweifel an erster Stelle der berühmte aber schwierig zu deutende Kupferstich Melencolia I aus dem Jahre 1954 von Albrecht Dürer

Volker W. Feierabend

Lebenslauf

Gabriele Arruzzo wurde am 15. März 1976 in Rom geboren, er lebt und arbeitet in Pesaro.