Giovanni Iudice, Gela

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Giovanni Iudice

Das Qualitätsmerkmal, das die Kunst von Giovanni Iudice schon beim ersten Augenschein am auffälligsten kennzeichnet, ist eine packende Wirklichkeitstreue, durch die seine figurativen Motive eine derart authentische naturalistische Präsenz gewinnen, dass ihnen eine unvergleichlich eindrucksvolle empirische Glaubwürdigkeit zugesprochen werden muss. Dazu ist dem sizilianische Maler, dem Autodidakten mit akademischer Meisterschaft, als eine erste Fähigkeit eine sehr außergewöhnliche individuelle Begabung der detailgenauen Beobachtung visueller Phänomene in seiner Umwelt von Natur aus mitgegeben sowie als eine zweite und entscheidende Veranlagung, ein bravouröses künstlerisches Können, das es ihm erlaubt, die optischen Aspekte des Gesehenen in Bezug auf ihre bildnerischenWertigkeiten zu analysieren und zu registrieren, um anschließend diesen schon in derWahrnehmungsphase auf seine malerischen Eigenschaften hin geprüften Eindruck in eine überzeugende abbildlicheWiedergabe umzusetzen. Dieses Talent, die Menschen, die Dinge und die Naturerscheinungen quasi protokollarisch aufzunehmen und sie in ihrer realen Gegenwärtigkeit zu fixieren, tritt schon in seinen Zeichnungen, die er meist in Bleistifttechnik ausführt, hervor und es ist wohl richtig wenn man feststellt, dass seine Manier, die Motive grafisch zu erfassen, d.h. ihre differenzierten Hell-Dunkel-Kontraste zu betonen sowie die Nuancen der Grautöne zu beachten und das Licht in seiner Funktion als ein die Gegenstände akzentuierendes, modellierendes und präzisierendes Wirkungsmoment zu berücksichtigen, eine wichtige Voraussetzung auch für seinen malerischen Darstellungsmodus ist. Dies gilt auch für seine subtile, disziplinierte und ökonomische Strichführung, mit der er nur dasWesentliche markiert und dazu auch dasWeiß des Papiers wirkungsvoll in der tonig abgestuften Gradation zur Geltung kommen lässt, denn auch diese Charakteristika kehren in den Gemälden wieder. Dabei muss schon bei der Betrachtung der Zeichnungen festgestellt werden, dass die stilistische Position von Giovanni Iudice keineswegs in einem vordergründigen Sinne als Realismus oder gar als Fotorealismus klassifiziert werden darf, denn trotz der durchaus real erscheinenden Konkretisierung der Sujets spricht dagegen die Tatsache, dass IudiceWert darauf legt, der graphischen Machart der Zeichnungen sowie auch der malerischen Qualität der Gemälde eine eigenständige stoffliche und ästhetische Mitsprache einzuräumen, denn Fotos will er auf keinen Fall imitieren, ungeachtet dessen, dass er bei derWahl seiner Motive durchaus auch auf (eigene) Fotografien als Vorlagen zurückgreift. Aber das was scheinbar als ein perfektes Abbild des Sichtbaren wahrgenommen wird, verleugnet seine artifizielle Herkunft an keinem Punkt: In den Zeichnungen sind immer die Spuren der manuellen Arbeit mit dem Bleistift, d.h. die linearen Eintragungen, die Schwärzungen, die Schraffuren wie die tonigen Modulierungen in ihren technischen Beschaffenheiten ablesbar. In den Gemälden sind die Prozeduren der malerischen Vorgänge, der Pinselduktus, der Farbauftrag, die Textur der Farbsubstanz und der fast spätimpressionistisch zu nennende lockere Vortrag entscheidende Faktoren bei der Bildwirkung. Seine Sujets findet Iudice in der unmittelbaren Umgebung seinesWohnortes an der Südküste Siziliens, hier entdeckt er die Situationen, die Personen, das Ambiente, die Gegebenheiten der Natur, die für ihn gerade dann zu Anlässen einer künstlerischen Umsetzung werden, wenn sie sich in ihrem einfachsten und anspruchslosesten Dasein präsentieren. Iudice lehnt jegliche Stilisierung, jede Transzendierung und Allegorisierung ab, er bevorzugt eine illusionslose positivistische Sicht auf das, was sich in seiner ihm bekannten Nähe abspielt, in diesem Sinne ist er wenn man so will ein malender Bildreporter, der mit möglichst objektiver Sachlichkeit unsensationelle Momente des menschlichen Alltags, Beobachtungen aus der gewöhnlichen Lebenswirklichkeit und Einblicke in intime Interieurs, oft mit nackten Frauen ebenso nüchtern festhält wie Ansichten von südlichen Ortschaften, von wild wuchernden Vegetationen, von kargen Landschaften und von vielfigurigen Badeszenen am Strand. Vor allem aber ist er ein Porträtist der Menschen in seinem Umfeld, wobei er es offenkundig liebt, wenn er sie in möglichst selbstverständlichen Posen, mit ruhigem Ausdruck und mit direktem Blickkontakt ins Bild setzen kann. Aktuelle Anlässe für künstlerische Thematisierungen bieten ihm aber in jüngster Zeit insbesondere die dramatischen Ereignisse, die sich auf der Insel Lampedusa und an der Küste nahezu täglich abspielen und in denen verzweifelte Flüchtlinge bzw. Immigranten aus Afrika, die in Italien auch Clandestini (Illegale) genannt werden, die meist in verrotteten sowie kaum noch schwimmfähigen und viel zu kleinen Booten anlanden, nach einer beschwerlichen Überquerung des Mittelmeeres, bei der viele, deren Boote gesunken sind, den Tod durch Ertrinken erlitten haben. Die Überlebenden erreichen hier entkräftet den italienischen Boden und bitten um Asyl. Gerade in diesen Bildern steigert sich die Fähigkeit von Iudice, die Dinge in ihrer schonungslosen visuellen Tatsächlichkeit zu protokollieren, zu einem Appell für die Menschlichkeit.

Volker W. Feierabend

Lebenslauf

Giovanni Iudice wurde am 20. November 1970 in Gela geboren, wo er nach wie vor lebt und arbeitet. Als Maler und Zeichner ist er Autodidakt.