Stefano Cagol, Trentino / Brüssel

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Stefano Cagol

Stefano Cagol ist in erster Linie ein Ideenkünstler, denn am Beginn von allen seinen engagierten Projekten und seinen künstlerischen Realisierungen steht bei ihm immer ein kreativer Findungsprozess, eine gedankliche Schaffensphase, in welcher er die inhaltliche Konzeption eines bestimmten Themas ebenso überlegt kalkuliert wie auch die Art der visuellen Konkretisierung einschließlich des geeigneten Medieneinsatzes. Dies kann eine filmische (Video, DVD) Produktion sein, eine photographische Lösung oder aber eine dingliche Umsetzung, wozu auch industriell produzierte Gebrauchsobjekte und technische Geräte gehören können, die er für seine Zwecke funktionalisiert. Parallel dazu erstrecken sich seine Interessen auch auf das Gebiet der Sprache, hermeutische und semantische Auslegungen von Begriffen sind integrale Bestandteile seiner Arbeiten. Dies war z. B. bei einer jüngeren Arbeit der Fall, bei der er einen länglichen Kasten mit einem elektronisch gesteuerten Display verwendete, auf dem im schnellen Gang eine Leuchtschrift vorbeizog, deren Inhalt auf diverse Ereignisse hinwies, die sich alle an einem 11. September ereignet hatten, wozu neben dem eigentlichen Bezugsdatum, – das bekanntlich mit dem Terroranschlag auf die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York im Jahre 2001 zusammenhängt –, auch die Tatsache seines eigenen Geburtstages, der am 11. September 1969 stattfand, mit einbezogen war. Damit relativierte Cagol den Informationswert eines Datums, das dazu tendierte, in der öffentlichen Wahrnehmung auf eine eindeutige Botschaft, – das terroristische Ereignis – , fixiert zu sein, indem er es ins Mehrdeutige transformierte. Solche reflektorischen Auseinandersetzungen mit diversen Sinnebenen von Wörtern oder auch mit der Ambiguität von Bildern, die er oft in einen Dialog mit opponierenden Begriffen stellt, sind typisch für das künstlerische Vorgehen von Cagol: Er erfindet Werkkomplexe, die in kritischer oder auch satirischer Form auf aktuelle politische, gesellschaftliche oder aber auch linguistische Fragen eingehen.

In der Installation und Videoprojektion VAMPA gelingen ihm völlig neue visuelle und semantische Interpretationen einer im Wind flatternden und wehenden, partiell zerrissenen amerikanischen Flagge, indem er das Bild der Flagge vor blauem Himmel halbiert und dann diese Hälfte spiegelsymmetrisch verdoppelt, d.h., dass beiderseits einer imaginären senkrechten Mittelachse identische Partien der Flagge zu sehen sind, mit dem zusätzlichen optischen Effekt, dass die beiden gleichen Teile – links wie rechts – des Sternenbanners vollkommen gleichförmige synchrone Bewegungen, – wie dies bei den Flügelschlägen eines von vorn gesehenen Vogels der Fall ist –, ausführen und dass sie in spiegelbildlicher Umkehrung auch dieselben gestalthaften Ausformungen zeigen. Das Ergebnis ist eine unglaubliche und faszinierende Metamorphose der Flagge, die im permanenten Wechsel Konfigurationen annimmt, die den symmetrischen Bildmustern ähneln, die in psychologischen Persönlichkeitstests (Rorschach- Tests) Verwendung finden und die ebenso wie diese die unterschiedlichsten Deutungen zulassen. Dabei erstreckt sich die Spannweite der möglichen Assoziationen von Flugdrachen über Raubvögel bis zu Kampfjets und Ufos. In der hier vorliegenden letzten Version der Thematisierung der amerikanischen Flagge, die Cagol seit 2002 schon mehrfach behandelt hat, ist zudem – schemenhaft hinter den roten Streifen auftauchend - ein Totenschädel eingeblendet. Dieser derart modifizierten Bildsprache von „Stars and Stripes“ steht das Wort „VAMPA“ gegenüber, das im Deutschen einerseits soviel wie „Überzeugung“ andererseits aber auch „Stichflamme“ beziehungsweise „Mündungsfeuer“ heißt und das somit eine neue Dimension mit eröffnet, welche die Lektüre der Arbeit, deren Aussage auf „Ungewissheit und Wandelbarkeit“ (Cagol) aufgebaut ist, offen lässt.

Auch die Arbeit ZELO ist aus irrealen und widersprüchlichen Komponenten zusammengefügt, die mit der normalen menschlichen Erfahrung nicht übereinstimmen, was schon in der zugehörigen Videoprojektion zum Ausdruck kommt, die eine Reihe von lodernden Flammenherden auf einer Schneedecke zeigt und somit eine sowohl paradoxe wie poetisch-irreale Imagination vermittelt, d.h., dass hier ein immanenter Widersinn vorliegt. Von welchem Brennstoff diese Feuer sich erhalten, ist nicht feststellbar, entscheidend ist der Eindruck des Unwirklichen. Das Wort „ZELO“, das ins Deutsche übersetzt „Eifer“ heißt oder auch „Übereifer“, erzeugt nun eine weitere Vervielfältigung der Bildsymbolik und der Verständnisebenen, welche – wie Cagol selbst sagt – die „Idee von Stärke“ ebenso einschließen wie Verweise auf „kollektive Überzeugungen“ und auf die „Beziehungen zwischen Mensch und Natur“. Beide Werke beziehen die Kunstrezipienten mit ein, indem an diese Plaketten oder Buttons verteilt werden, auf denen jeweils die Begriffe „VAMPA“ oder „ZELO“ zu lesen sind und die sichtbar getragen werden sollen. Durch diese Aktion partizipieren die Besucher an dem Projekt und werden zu propagandistischen Vermittlern der Botschaft dieser Werke. Bei der dritten Arbeit spielt gleichfalls die Vielfalt der möglichen Lektüren eine Rolle, denn mit den vom Künstler selbst erfundenen Komposita „Schizophasia“ und „Fluentaphasia“, die nur ungefähr ins Deutsche zu übertragen sind, hat er zwei sinngemäß entgegengesetzte Begriffe eingeführt, wobei er unter dem ersten die „unkontrollierte Übertreibung beim Reden“ versteht, während der zweite für ihn die „Unfähigkeit zu reden“ bezeichnet. Da er mit diesen Termini auch zwei unterschiedliche Richtungen des menschlichen Verhaltens zum Ausdruck bringen will, hat er sie als Wegweiser gestaltet und auf mobile Strassenschilder aufgebracht, die zugleich als Kunstobjekte fungieren.

Klaus Wolbert

Lebenslauf

Stefano Cagol wurde am 11. September 1969 in Trient geboren, er lebt und arbeitet in Trentino und in Brüssel. 2009 gewinnt Cagol den Premio Terna in der Kategorie „Megawatt“.