33.  Anacronisti / Arte Cifra / Arte Colta

Jene italienischen Künstler, welche von der Kritik als die Unzeitgemäßen oder als die Schöpfer einer Kunst für Gebildete bezeichnet wurden, traten mit ihren aufsehenerregenden figurativen Malereien und Bildern am Ende der 70er Jahre hervor, wo sie wegen ihrer bewusst an altmeisterlichen Techniken geschulten Malweisen für Furore sorgten. Im Gegensatz zu der Meinung, sie seien Dissidenten gewesen, welche in Opposition zur Moderne standen, war es dabei in Wahrheit aber so, dass sie eine von der Konzept-Kunst ausgehende, - diese aber auch wegen ihrer unanschaulichen Kunstpraxis negierende -, programmatische Wiederbelebung der Kunst des Bedeutungsvollen, des Symbolischen, des Gedanklichen, des Enigmatischen, des Semantischen, des Narrativen anstrebten sowie vor allem auch etwas  ästhetisch Gültiges etablieren wollten. Insbesondere Carlo Maria Mariani war derjenige, der von der Konzeptkunst ausging und der die kanonischen figuralen Standards der klassischen Kunst konzeptionell einsetzen wollte. Mariani benutzte in diesem Zusammenhang die normativen antiken Figurenmuster, die eine kritikenthobene Höhe der Kunst repräsentierten, wie ein vorgefundenes Material im Sinne von Ready Mades oder wie Objets trouvés, wobei er sehr bewusst nicht auf die Antike selbst zurückgriff, sondern auf die klassizistische Adaption klassischer Vorbilder in der Malerei von Angelica Kauffmann. Im Hinblick auf die Entdeckung und Thematisierung von künstlerischen Relikten der Antike waren einige Künstler aus der Gruppe „Arte povera“ (Giulio Paolini) vorausgegangen, auch sie nutzten die spezifische Semantik und den poetischen Sinngehalt dieser Objekte für ihre Anliegen. Bei den „Anacronisti“ war diese Zitation verbunden mit der Intention, dem Kunstwerk wieder den traditionellen Status des Singulären, des Exzellenten und des Auratischen zurückzugeben. Die Künstler, die diese  Ziele verfolgten, brachten dazu gleichzeitig eine Besinnung auf Ikonografie, Metaphorik, Imagination, Zitation, Antike, Mythos, klassische Kunst, Philosophie, Geschichte, Kunst-und Kunstgeschichte mit sowie ingeniöse künstlerische Umsetzungen, in denen sie inhaltlich anspruchsvoll konzipierte und bildnerisch elaboriert gestaltete Werkeinheiten schufen. Dabei griffen sie auch in eklektischer Aneignung auf Vorbilder aus der älteren und neueren italienischen bzw. der sonstigen europäischen Kunst, vor allem auf den Klassizismus des 18. Jahrhunderts, zurück.