25.  Arte Cinetica / Arte Programmata

Experimente mit Werkgestaltungen, deren visuelle Anmutung ausschließlich aus formalen wie auch farbigen Bewegungsmotiven besteht, die nun als visuelles ästhetisches Wahrnehmungsangebot an die Stelle von inhaltlichen Aussagen eines Kunstwerks traten. Dabei wurden von Elektromotoren betriebene mechanische Konstruktionen zur Erzeugung dieser Bewegungen ebenso raffiniert erfunden, wie auch physikalische Prinzipien und lichttechnische Praktiken zur Herstellung von selbsttätig funktionierenden formalen oder luminösen Ereignissen genutzt wurden. Die Gesetze der Schwerkraft spielten in diesem Zusammenhang ebenso mit, wie magnetische Wirkungen, diverse optische Effekte, leuchtende  Phänomene und Sinnestäuschungen, die beispielsweise mittels konkaver Spiegel oder durch andere das Sehen irritierende Faktoren (Moiréeffekte, Flimmerwirkungen) bewirkt wurden. Vom Ansatz her gesehen war die „Kinetik“, die, anknüpfend an frühere Innovationen dieser Art (Naum Gabo, Pevsner), sich um 1960 als eine internationale  Kunsttendenz verbreitete, ein Zweig jener Bestrebungen, die dem Kunstwerk einen autonomen Eigenwert und den Status einer nur mit sich selbst identischen Ding- und Erscheinungsrealität verleihen wollten, wobei allerdings der Einsatz von profanen industriellen Fertigteilen sowie die Betonung der Mitwirkung der perzeptiven Wahrnehmungstätigkeit von Betrachtern bei der phänomenalen Konstituierung eines Werks in höherem Maße wichtig war, als dies bei anderen Tendenzen mit dieser Zielsetzung zu beobachten ist. Zudem hatten die damals aktuellen Erkenntnisse der Informationsästhetik sowie der Kybernetik einen starken Einfluss auf die Arbeit jener Künstlerinnen und Künstler, die auf dem Gebiet der kinetischen Kunst aktiv waren. In Italien zählten die Mitglieder Mailänder Gruppe „T“ (Tempo) und der Gruppe „Enne“ aus Padua zu den Pionieren dieses innovativen Kunstwollens, ihnen folgten 1964 die Gruppe „MID“, die sich gleichfalls in Mailand zusammenfand und die mit äußerst avancierter Technologie faszinierende optische Licht- und Farbereignisse gestaltete.