21.  Arte nucleare / Movimento nucleare

Dies war eine Initiative, in welcher der künstlerische Schaffensprozess als Gleichnis einer Endzeitsituation oder als Omen eines postatomaren Untergangsszenarios verstanden werden sollte, wobei dies eine kritische künstlerische Antwort auf das wirkliche Weltgeschehen war, wie sie im Zeitraum nach 1945 allein von einer Gruppe italienischer Künstler artikuliert wurde.

Der Schock von Hiroshima, mit dem ein neues Zeitalter der totalen Kriegsführung und der endzeitlichen Schreckensvisionen begann, zeitigte als eine künstlerische Reaktion die 1952 von Enrico Baj und Sergio Dangelo ins Leben gerufene Kunstbewegung der nuklearen Kunst, in der zunächst eine ambivalente Haltung zu den Erkenntnissen der atomaren Forschung in der Form herrschte, dass man einerseits von diesem Phänomen fasziniert war, anderseits aber auch die Angst thematisierte, die in der Folge des Bombenabwurfs auf die genannten Städte in Japan in den 50er Jahren um sich griff. Die Visualisierung atomarer Kräfte trat in der nuklearen Kunst künstlerisch vor allem in einer immens eruptiven, extrem ungebändigten Ausdrucksgestik des schöpferischen Aktes hervor, in dem durch furiose und exzessiv auf eine Leinwand geschleuderte Farben irreguläre Fleckenbildungen, konfuse Strukturen und amorphe Effekte geschaffen wurden,  die im Ergebnis als Analogien zu Prozessen in der Atomphysik und zum atomaren Fallout aufgefasst werden sollten. Das Bildprogramm der nuklearen Malerei unterscheidet sich daher von der zeitgleichen informellen Kunst durch eine heftigere und impulsivere Ausführung des kreativen Geschehens, das stets mit einer immens furiosen ekstatischen Energie zur Ausführung kam. Die  Niederschläge dieser rauschhaften emotionalen Erregungszustände, die dann auf den Leinwänden sichtbar wurden, zeigten – vor allem bei den nonfigurativen Lösungen -  eine höchst gesteigerte Dramatik und eine explosive Entfaltung, die an das zersetzende Zerstörungspotential von kosmischen Katastrophen erinnern sollte. Solche Ausdruckswerte wurden denn auch durch entsprechend reflexartige, willkürliche aktionistische Techniken des Aufbringens von Farbmaterial, das heißt durch ungestümes Schütten, Versprengen, Spritzen, Gießen oder Tröpfeln, erzielt. Daneben gab es jedoch auch figurative Ausführungsmodi, die einen traumatischen und obsessiven Eindruck vermitteln, der nicht weniger packend ist, denn die lediglich als lineare Knäuel auszumachenden, nur rudimentär konkretisierten und an Graffiti erinnernden Schemen und Phantome menschlicher Gestalten, provozieren beim Betrachter Anmutungen des Unheimlichen. Die Erfahrungen mit den nuklearen Materialexperimenten nutzte Enrico Baj auch in späteren Bildserien, wie zum Beispiel in der Ausführung der „Montagne“ (Berge) am Ende der 50er Jahre, wo er erodiert und verkarstet wirkende komplexe Strukturbildungen, die einer unwirtlichen Macchia ähneln, dadurch erzeugte, dass er die Unverträglichkeiten und die gegenseitigen Abstoßungseffekte von öligen Farbsubstanzen und wässrigen Lösungen bildschöpferisch verwertete.

In einem nächsten Schritt nahm sich Baj die militärischen Verursacher der Bedrohung, die Generäle, vor, die er  in bewusst respektloser Weise als abstoßende unmenschliche Charaktermasken bzw. als Zerrbilder des Bösen, übermäßig dekoriert mit Orden, Schärpen und Epauletten, karikierte.