40.  Figurative Bildhauerei

Die bildnerische Konkretisierung des Menschenbildes in dreidimensionaler körperlicher Präsenz zählt seit mehr als 4000 Jahren zu den primären Aufgaben der Bildhauerei, wobei in Abhängigkeit von den zivilisatorischen, den geistesgeschichtlichen und den soziokulturellen Bedingungen immer wieder neue Lösungen der künstlerischen Veranschaulichung des Menschen gefunden wurden. Trat die menschliche Gestalt in frühen, religiös konnotierten Bewusstseinsstadien, noch als Repräsentation des Göttlichen in hieratischer und statuarischer Formstrenge in Erscheinung, so wandelte sich dies im Laufe der Entdeckung des menschlichen Körpers im Sinne seiner eigenständigen humanen Bedeutungsdimension. In der griechischen Antike wurde das Bild des Menschen als ein Analogon zu den Harmonieprinzipien der Schöpfung gedeutet und es wurde so zu einem Paradigma der Schönheit in Form eines normativen ästhetischen Ideals, wobei in diesem Kontext nicht zuletzt auch die natürliche Ausbildung der menschlichen Gestalt verstärkt wahrgenommen wurde. Hier entstanden die Standardmodelle der idealen Menschendarstellungen, die für die abendländische Bildhauerei prägend wurden, wobei allerdings die christliche Ikonographie bereits Ansätze zu einer körperlichen Performance ausbildete. Erst mit der Überwindung der dogmatischen Formalien der akademischen Schönheitsdoktrin und mit einem befreiten Blick auf die reale physische Körperlichkeit von Individuen in ihrem jeweils gegebenen habituellen Sein, entwickelten sich dann schließlich künstlerische Auffassungen, in denen die menschliche Physis zu einem Ausdrucksträger für differenzierte Regungen wurde, wobei die kreativen Zielsetzungen von  Plastikern bzw. von Skulpteuren vor allem darin bestanden, immer wieder neue Varianten und Vertiefungen  von seelischen, emotionalen, aktionistischen oder affektiven Zuständen bildnerisch zu vergegenwärtigen und dabei auch auf die zivilisatorischen, mentalen und sozialen Veränderungen im Hinblick auf das jeweils aktuelle Körperbewusstsein zu reagieren. Dies wurde und wird begleitet von einem zunehmenden Interesse für die Relevanz der Körperlichkeit im Rahmen einer subjektiven  Selbstdeutung und einer körperlichen Profilierung im Hinblick auf die gesellschaftliche Wertigkeit einer Person. Der menschliche Körper in seiner psychophysischen Eigentlichkeit und in seinem ästhetischen wie erotischen Anmutungswert bietet daher der figurativen Bildhauerei nach wie vor anspruchsvolle Herausforderungen und Anlässe für packende Interpretationen.