35.  Individuelle Mythologien

Die künstlerische Produktion von Pseudoartefakten, die den Schein des Numinosen, des Archetypischen, des Esoterischen, des Mystischen oder des Kultischen vermitteln sollen, zählt zu den eigentümlichsten Phänomenen in der Gegenwartskunst, wobei man in der Regel davon ausgehen kann, das es sich dabei immer um künstlerisch inszenierte Fiktionen handelt. Dabei werden, meist als ein rhetorisches Begleitprogramm, das fast stets eine ideologisch verquaste  Phantasieproduktion ist, visionäre Ideen zu einer Erklärung von Grundfragen der Menschheit wie der Mythen der Natur und des Kosmos angeboten. Solche exotischen Gedankenwelten, die stets in höchstem Maße irrational und spiritualistisch konnotiert sind, bilden eine verbale Parallele zu den dinglichen Kunstschöpfungen, die auch infolge von Beschwörungsritualen, die solche Künstler oft in Performances zelebrieren, eine extreme Aufladung mit mysteriösem Sinn, mit Symbolik und mit tieferer Bedeutung erfahren. Dazu werden dann ganze Komplexe rätselhafter Kultgegenstände, fremdartiger Fundstücke und reliquienartiger Devotionalien als Geheimnisträger ausgestellt, zusammen mit der Imagination, dass diese etwas Ursprüngliches vermitteln, das die Einbildung wachruft,  man habe es mit sprechenden Zeugnissen aus unbekannten fernen Kulturen, Ethnien oder Religionen zu tun. Dabei kommt hinzu, dass dies nicht selten mit dem Versprechen verbunden ist,  man könne über die Kunstbetrachtung eine Einfühlung in mentale und spirituelle Zustände finden, die im „Prozess der Zivilisation“ verschüttet wurden und die nun mit Hilfe der Kunst eine Wiederbelebung erfahren können. Die Künstler treten in diesem Kontext in der Regel auf wie Priester, wie Magier oder wie Schamanen, die durch feierlichen Habitus, zeremonielle Praktiken, magische Beschwörungen, weihevolle Gebärden oder sonstige rituelle Darbietungen glauben machen wollen, dass sie den Kontakt zum Transzendenten, zum Übersinnlichen und zum Heiligen herstellen könnten, wobei auch dies ein bewusst eingesetztes, konzeptionsbedingtes Kunstmittel sein kann. Dies kann auch den scheinhaften Charakter eines simulierten kulturanthropologischen und ethnologischen Forschungsprojekts annehmen, durch das eine Bewahrung der kulturellen Hinterlassenschaften von zivilisatorisch verdrängten Naturvölkern in der Form vermittelt wird, dass man optisch und materiell entsprechend präparierte Werkstücke zur Kunst erklärt.