18.  Pittura informale – Tachismus und Action Painting

Ein frei improvisierender Modus und ein souveräner gestischer Impetus des bildnerischen Vortrags, dessen Charakteristik bei aller gewollten Regellosigkeit aber durchaus auch in Bezug auf eine individuelle Handschrift oder auf den jeweils besonderen Modus einer technischen Manier personell identifizierbar ist, kennzeichnet die abstrakten Bildschöpfungen, die auf der Basis der westlichen Freiheitsideologie in der informellen Kunst der 50er Jahre international dominant wurden. Das programmatische, auch philosophisch ausformulierte Begriffssystem, das dieser kreativen Schaffensmethode zugrunde lag, beinhaltete unter anderem die subjektive persönliche Selbstfindung, die der Existenzialismus propagierte, und die Idee einer gesellschaftlichen Verfassung, die im Gegensatz zu den vorangegangenen Zwangssystemen des Faschismus oder Nationalsozialismus kein Diktat in Bezug auf das Denken und auf die Künste mehr ausüben sollte. Die damit ausgelöste Freisetzung von exzessiv ausgelebten, quasi manischen Energien beinhaltete dabei nicht zuletzt auch die Zielsetzung, auf der einen Seite eine künstlerische und existenzielle Unabhängigkeit von jeglichen Zwängen zu demonstrieren und auf der anderen Seite auch den internen Disziplinierungen durch die Prinzipien der rationalen Vernunft zu entgehen. Ihrer Herrschaft wurden nun die frei agierenden Kräfte einer spontanen Psychomotorik entgegengesetzt. Das Wirken rationaler Maximen des Denkens sah man damals insbesondere innerhalb aller systematisch geplanten, kompositionell ausgewogenen, formal  definierten und überlegt organisierten Bildordnungen am Werk, und um diese instrumentelle Formlogik im Rahmen von künstlerischen Bildschöpfungen zu entkräften, aktivierte man automatische schöpferische Impulse, die schon in der Theorie des Surrealismus explizit ausformuliert worden waren und von denen man annahm, dass ihr Impetus  direkt aus dem Unterbewussten gespeist werden würde. Man war überzeugt davon, dass diese Impulse ausschließlich in einem mentalen Zustand der Intuition und der eruptiven Triebentladung wirksam sind, und dass sie nur so kreativ genutzt werden können. Als letztes Stadium der informellen Bildwerdung entfaltete sich im Rahmen dieser Idee schließlich oft auch eine spezifische Aufmerksamkeit für die ästhetischen Qualitäten der stofflichen Beschaffenheit eines Bildes, was dazu führte, dass neben der Farbsubstanz auch andere Materialien in diversen Zustandsformen zum Einsatz kamen und so selbst zum Träger eines visuellen Faszinosums wurden. Gerade diese letzteren Prozeduren führten zu neuartigen, sinnlich packenden Reizwirkungen von bildnerischen Oberflächen, die im Ergebnis aus zufallsbedingten aber durchaus gewollten Bildungen von irregulären Texturen, von Flecken, von Klecksen, von Krusten, von reliefartigen Erhebungen in der Farbschicht, von disparaten Mixturen, von Pfützen, von Schlieren und von Spritz-, Tropf- und Verlaufspuren bestanden. In diese Konglomerate konnten dann oft auch noch diverse Relikte anderer Art, wie z.B. Sand, Kies, Zement oder Textilreste, integriert sein, womit schließlich eine neues sensuelles und ästhetisches Empfinden für Anmutungen erzeugt wurde, die von entsprechend präparierten und elaborierten Farbmaterialien eines Bildes ausgingen.
Die informelle Kunst war nicht nur eine Kunsttendenz, wie andere auch, sie war nicht weniger auch ein Bekenntnis und eine Mission. Die Glorifizierung des singulären genialischen Schöpfertums, die damit einherging, sollte bald danach gleichfalls der Kritik anheimfallen, durch die, -angeführt von einer neuen Generation -, der einst optimistische Elan der subjektiven Freiheitsgestik am Ende der 50er Jahre seine beherrschende Geltung verlor.