Futurismus - Die Revolte der Avantgarde

Die Bewegung des Futurismus, die vor hundert Jahren am 9. Februar 1909 mit der Veröffentlichung eines für den Geist der damaligen Zeit höchst stupenden und brisanten Manifests in der Pariser Zeitung "Le Figaro" spektakulär auf sich aufmerksam machte, war ohne Zweifel die erste bewußt und strategisch organisierte Avantgarde der Moderne, denn sie wurde tatsächlich mit dem Ziel gegründet, im kämpferischen Vorausdenken die saturierten und statischen Verhältnisse der etablierten Kultur und Kunst zu überwinden, um eine Zukunft zu gewinnen, in der die Kräfte des Neuen rückhaltlos zum Durchbruch gelangen können.

Die Initiative zu dieser Revolte, in der mit provozierender Lust Traditionen und Werte zerstört wurden, ging von Italien aus, wo der Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti in einem ebenso innovativen wie radikalen Entwurf das kühne Programm des Futurismus entwarf und wo dann im Verlaufe von 35 Jahren immer wieder neue Varianten und Erweiterungen der Ursprungsidee entwickelt wurden. Dabei beschränkten sich die Futuristen nicht allein auf die Revolutionierung der Inhalte wie der Ästhetik der Künste in einem nur formalen Sinn, sie gingen weit über eine bloße stilistische Reflexion hinaus, denn ihr Anliegen enthielt im Kern einen universellen Umsturzgedanken, sie forderten eine totale Veränderung des Bewußtseins und der Bedingungen des Lebens insgesamt, sie wollten einen vitalistischen Neubeginn auf allen Gebieten unter den Vorzeichen eines Aufbruchs, der von den Errungenschaften der modernen Zivilisation, von der Technik, von der Energie, von der Dynamik, von den Maschinen und Motoren, von der Großstadt sowie auch von der Hektik, vom Lärm und nicht zuletzt vom Prinzip der zunehmenden Bewegungsdichte in allen Bereichen geprägt sein sollte. Zuletzt planten sie eine neue Gesellschaft sowie den Neuen Menschen.

Diesen interdisziplinären und umfassenden Anspruch der futuristischen Programmatik stellt Giovanni Lista in seiner nun in italienischer und deutscher Sprache vorliegenden Untersuchung in einer packenden Tour d' Horizon vor, wobei mit Recht eingeräumt werden darf, daß bisher noch niemals eine Ausarbeitung dieses Themas vorgelegt wurde, die eine vergleichbar umfassende Materialfülle, ein ähnlich weitgespanntes Spektrum der Inhalte sowie ein auch nur annähernd hohes Niveau der wissenschaftlichen Exegese vorweisen kann. Lista bietet nicht nur neue Interpretationen der (von spezifischen italienischen Bedingungen inaugurierten) politischen, ideologischen und personalen Entstehungsgeschichte des Futurismus und er schildert nicht allein die vielfältigen Facetten der futuristischen Bildenden Künste, Literatur, Architektur, Musik, Bühnen- und Filmkunst, Fotographie etc., er beschreibt auch detailliert die zahlreichen anderen kreativen Impulse, die vom Futurismus ausstrahlten und die sich in nahezu allen Kategorien der Lebenspraxis erneuernd auswirkten. Mit Erstaunen erfährt man dabei, wie antizipatorisch der Futurismus auf vielen Feldern war, vor allem in den Künsten hat er in Theorie und Praxis schon Entwicklungen vorweggenommen, die erst in der zweiten Hälfte des 20sten Jahrhunderts wieder aktuell wurden: Das Happening wie die Performance gehören ebenso dazu wie die Assemblage und die Materialkunst. Die einleitenden Betrachtungen von Volker W. Feierabend zur Rezeption des Futurismus in Deutschland von den zehner bis zu den dreißiger Jahren stellt eine interessante punktuelle Ergänzung dar.

Buchinformationen
Titel Futurismus
Untertitel Die Revolte der Avantgarde
Jahr 2009
Herausgeber Giovanni Lista
Verlag Silvana Editoriale
Band 8
ISBN 97888-3661103-4